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14. (5. ordentl.) Versammlung des VI. Vereinsjahres.
Allein es ist nicht zu leugnen, dass die brandenburgisehe Butterwirtschaft im Laufe dieses Jahrhunderts mehr und mehr durch den rationelleren Grossbetrieb der ostfriesischen, schleswigschen, holsteinischen und mecklenburgischen Meiereien, zum Teil auch durch die schlesischen (obwohl man diesen immer einen zu reichlichen minderwertigen Gewichtszusatz an Salz zum Vorwurf gemacht hat) namentlich auf dem Berliner Markt ins Hintertreffen*) gedrängt wurde. Dem ist nun in neuester Zeit begegnet worden durch Einführung verbesserter maschineller Einrichtungen (Milchschleuder-Verfahren) und mittels der grossartigen Graserzeugung, welche durch die die Stadt Berlin in einem weiten und breiten Ringe umziehenden Rieselgüter unserer Stadtgemeinde hervorge- gerufen worden ist, indem das billige und nahrhafte Futter die Haltung von Kühen im Grossbetriebe ermöglicht.
Daher jene sich stetig vermehrende Zahl brandenburgischer Molkereien und Meiereien, von denen die bekannteste — diejenige des intelligenten Herrn Karl Bolle — seitens der „Brandenburgia“ auf der Zentralbetriebsstelle in der Strasse Alt-Moabit No. 99—103 hierselbst am
*) Schon Bekmann, Hist. Besehr. der Chur und Mark Brdb. I. 1751, S. 795, sagt: „Man hat auch wohl Vieh von guter ahrt aus andern Orten lassen kommen, und selbiges an die fetteste Örter von der Mark gesetzet. Dergleichen versuch hat die Churfürstin, Henriette Louise, Churf. Friedr. Wilhelms glorwürd. andenkens erste Gemahlin gemacht, welche nicht allein schönes auserlesenes Vieh, sondern auch Leute anher kommen lassen, die damit am besten umzugehen wüssten, und selbiges in eine der fettesten gegenden, im Havelländischen Krais im Amt Oranienburg gesetzet; dergleichen auch geschehen in dem Amte Gramzow. Allein es ist das vieb, das dennoch eines andern futters gewohnt gewesen, bald ausgeartet; und den Holländischen Landmann hat doch immer wieder nach seiner in Holland gemachten Butter und Käse verlanget, welcher nachmahls ohngeacht der schönen weide dennoch nur Märkische Butter und Käse zuwege bringen können: so viel ist an grund und boden, ohne zweifei auch an der luft gelegen. Die Baiern und Oesterreicher halten in ihren besten Ländereien auch Vieh, so aus der Schweiz hergeholet ist: allein wann sie solches eine zeit genutzet, suchen sie es loszuwerden, und lassen frisches kommen; auf welche weise dann ihre Meiereien allezeit in gutem stände erhalten werden. So muss es hiesiger orten mit dem Holsteinischen und Holländischen Vieh gemacht werden, wann unsere fremde Viehzucht bestehen soll: wiewohl auch hier auf die ahrt der weide gesehen werden muss, deren das vieh vorher gewohnt gewesen. Bei Mülrose kommt kein auswärtiges vieh, sondern nur einheimisches fort, welches allda gezogen, und des nassen bodens und sauren grases gewöhnet ist: und wann das Polnische oder auch nur aus einer andern gegend eingebrachte vieh in unsern Brüchern an der Oder einschlagen soll; muss der Landmann seine dreierlei ahrt grasung bei der futterung wissen zu rechter zeit anzubringen. Denn hier gilt sonderlich was der Poet, wiewohl in andern absichten, sagt:
Taurus amat gramen mutatum carpere valle,
Et fera mutatis sustinet ora cibis.“
Diese weisen Lehren sind in unserer Mark Brandenburg bis über die erste Hälfte des scheidenden Jahrhunderts zum Nachteil der Butterei und Käserei sehr oft leider vernachlässigt worden.