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14. (5. ordentl.) Versammlung des VI. Vereinsjahres. 403
Dadurch ist, unter Einführung und Eingewöhnung der Weinbergsschnecke, deren Genuss auch nach Norddeutschland, darunter nach der Provinz Brandenburg, gekommen.
Die Weinbergsschnecke ist bei uns nicht einheimisch gewesen, niemals ist sie im Diluvium oder Altalluvium der Provinz Brandenburg; auch in den zahlreichen wendischen Burgwällen unserer Provinz aus dem 11. und 12. Jahrhundert, welche doch an Schnecken sehr reich sind, ist nicht ein einziges Exemplar von Helix pomatia bisher ausgegraben worden, obwohl zahlreiche Forscher der Sache ihre spezielle Aufmerksamkeit gewidmet haben.*)
Wohl aber findet sich die Weinbergsschnecke bei alten Klöstern, Stiftern und Kirchen z. B. Chorin, Lehnin, Himmelpfort, Zinna, Kagel, Neuzelle, Dobrilugk, Königsberg N.-M. u. s. f. In Berlin habe ich subfossile Exemplare auf dem Tempelhofer Berg gefunden, wie sie in Tempelhof selbst nicht selten sind. Hier mögen die Tempelritter mitgewirkt haben. Ton diesen Stätten künstlicher Ansiedlung hat das Tier sich weit verbreitet, aber doch bei uns noch nicht überall dahin, wo es nach den örtlichen Verhältnissen sehr wohl leben könnte. Nächst Berlin kommt sie verwildert in Pankow vor, von wo ich sie selbst besitze, in ungeheuren Mengen in den Rüdersdorfer Kalkbergen und auf dem Sommerfeldschen Berg oberhalb 0 derb erg i. M.
Mit dem Eindringen der Reformation in die Provinz Brandenburg scheint der Schneckengenuss aufgehört zu haben. Die Fasttage fielen fort und unser Volk scheint derbere Fleisch- und Fisch-Speise der Weinbergssohnecke vorgezogen zu haben.
*) R. Virchow, Dir. Dr. Voss, “Willibald von Schulenburg, Jentsch- Guben, Prof. v. Martens, Jetschin, Schacko, Otto Reinhardt, ich selbst u. a. ro. Vgl. meine ausführlichen Angaben bezüglich Helix pomatia in dem Aufsatz: „Über die ethnologischen Beziehungen der Verbreitung einiger europäischer Landschnecken, Zeitschr. für Ethnologie, I, 1869, S. 305 flg., ferner meine Angaben Brandenburgia III, S. 139 und bezüglich der Burgwälle Brandenburgia II, S. 40. — Helix pomatia kommt in ganz Pommern, West-und Ost-Preussen, Dänemark, Norwegen, Süd-Schweden und nordöstlich bis Kurland vor, auch hier zumeist nur in der Nähe von Klöstern, Kirchen und Edelhöfen. — In England wurden diese Schnecken als ausländische Delikatesse gegessen. Der grosse Kochmeister Robert May gab verschiedene Rezepte für die Zubereitung, dennoch ist das Landschneckenessen daselbst wieder abgekommen. Sir Walter Scott erzählt humoristisch (Quat. Review XXXVI, 197) von einem letzten Versuch, den Dr. Black und der Geologe Hutton miteinander machten, wobei indessen ihr Ekel einen wenn auch nicht glänzenden Sieg über ihre Willensstärke davon trug. Johnston u. Brown, Einl. in die Konchy- liologie, Stuttg. 1853, S. 4L Jeffreys, Britisch Conchology, London 1862, S. 183 führt als Ausnahme an, dass die Glasbläser von Newcastle alljährlich ein Schneckenfest mit Helix adspersa feiern. — In Schweden hat König Friedrich I., Gemahl Ulrike Eleonores, Schwester Karls XII., ein Hessen-Casselscher Fürst (1720—1751) die Weinbergschnecke, die er mutmasslich in seiner mitteldeutschen Heimat schätzen gelernt, der Überlieferung nach und mit Erfolg eingeführt.