Heft 
(1897) 6
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14. (5. ordentl.) Versammlung des VI. Vereinsjahres.

Aber noch einmal wird ein Vorstoss zur Verbreitung der Wein- bergsschnecke und zwar durch die protestantischen französischen Refugies gemacht, welche seit 1685 nach der Aufhebung des Edikts von Nantes die Schneckenkost in die Mark Brandenburg wieder einführten. Fast sämtliche reformierte Vertriebene stammten aus schneckenholden Gegenden und brachten deshalb die Neigung für das Schneckenessen mit. Ob demselben durch fremden Import genügt worden sei, bezweifle ich, weil die Einfuhrsteuerrollen hierüber schweigen. Die Einwanderer werden wohl die hiesigen verwilderten Weinbergsschnecken genossen haben.

Höchst wahrscheinlich hängt hiermit ein merkwürdiger Fund zu­sammen, welcher i. J. 1872 in Berlin bei den Fundamentierungsarbeiten für das Friedrich Werdersche Gymnasium und Friedrich Werdersche Realgymnasium am Treffpunkt der Charlottenstrasse mit der Dorotheen- und Georgen - Strasse (Dorotheenstr. 13/14) gemacht wurde, der von Rudolf .Virchow und mir untersucht, zunächst von Virchow (Verh. der Berl. Anthrop. Ges. 1872, IV, 123) beschrieben worden. Nach des Stadtarchivar Ernst Fidicins Ermittelungen befand sich hier Ende des 17. Jahrhunderts ein beim Weidendamm in die Spree mündender grosser Kanal, von dessen Ufern aus allerhand Abfälle ins Wasser geworfen wurden, und der schliesslich zu Anfang des 18. Jahrhunderts verschüttet ward. Neben vielen Topfresten des 17. und 18. Jahrhunderts und zahl­reichen Vogel- wie Säugetierknochen kamen Massen von Miesmuscheln, Austernschalen, Fischschuppen, Gräten, Schildkrötenschalenstücke und Gehäuse der grossen Weinbergsschnecke vor.*)

Ich setze diese Abfälle ins Ende des 17. Jahrhunderts und nehme an, dass die in Berlin angesiedelten vertriebenen Reformierten, welche gut, jedenfalls feiner als die Altberliner, zu essen verstanden, bei der Ablagerung dieser Speisereste beteiligt gewesen sind.

Nun aber entsteht für Berlin und die Mark Brandenburg eine grosse Pause im Verzehren der Helix pomatia. Nur ab und zu hört man in der Zeit vor 1870, dass Jemand meist Schneckensammler

*) Vgl. meinen ausführlichen Generalbericht über die (I.) Fischerei-Ausstellung zu Berlin, abgestattet in der Versammlung des deutschen Fischerei - Vereins am 3. April 1873 (Korrespondenzblatt des D. F. V.s von 1873, S. 73). Hierbei ist das schnelle Anwachsen der französischen Bevölkerung in Berlin und der Mark Branden­burg zu berücksichtigen. Bereits 1677 waren gegen 100 französische Familien in Berlin, deren Zahl nach der Aufhebung des Edikts von Nantes so anwuchs, dass nach genauen statistischen Erhebungen sich die Bevölkerung Berlins dadurch um 46,6 °/ 0 vermehrte. Vgl. mein BuchDie deutsche Kaiserstadt Berlin, 1882, S. 17 und Berliner Städtisches Jahrbuch für Volkswirthschaft und Statistik, 1878, S. 142. Bemerkt sei hier, dass die nicht mit natürlichem Deckel versehenen Schnecken sich in warmen Ländern umgekehrt mit einem allerdings viel dünneren Sommerdeckel versehen und sich während der heissesten Jahreszeit in der kühleren Erde verkriechen. Dies wusste schon der altrömische Dichter Flautus. Ergasilus, der Schlemmer und Braten-