14. (5. ordentl.) Versammlung des VI. Vereinsjahres.
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aas Neugier den Versuch gemacht haben, Weinbergsschnecken zu kochen und zu verspeisen.
Sofort aber nach Beendigung des deutsch - französischen Krieges und der Einverleibung von Elsass-Lothringen meldet sich das Schneckenessen von neuem; unsere Landsleute, namentlich Offiziere und Beamte, hatten das Schneckenessen in Frankreich und den neuen deutschen Landesteilen gesehen und versucht. Sie übertrugen diese Sitte in unsere Heimat. Alsbald, d. h. seit 1871, zeigte die damals berühmte Weinhandlung von Schütt in der Königstrasse an, dass dort zu den Elsässer Weinen auch Weinbergsschnecken feilgeboten würden.
Ganz langsam hat der Schneckenkonsum bei uns zugenommen. Leider gelten vielen Berlinern die leckeren und wirklich schmackhaften sowie nahrhaften Weinbergsschnecken als abscheuliche Tiere, vor deren Genuss den meisten ekelt, genau so wie es vor hundert Jahren mit den Austern bei uns stand, die ja auch jetzt noch selbst manchen Gebildeten ein solches Grauen einflössen, dass sie die leckere Kost selbst im gebackenen Zustande noch verschmähen.*)
Dabei werden die Helix pomatia als raffinierte Feinschmeckereien in den besten Stadtteilen feilgeboten. Meinen Notizensammlungen entnehme ich u. a.:
9. Oktober 1893. Anzeige der „Voss. Zeitung“: „Frische Burgunder Weinbergs - Schnecken (Escargots de Bourgogne) empfiehlt die Luxus- Delicatessenhandlung Curt Grunewald, Berlin W., Mohrenstrasse 60“.
6. Februar 1894. Das Delikatessengeschäft von Borchardt, Fran- zösische-Strasse, empfiehlt stets frische Weinbergsschnecken.
Witzbold, sagt in dem plautinischen Schönbartspiel „in Ketten und Banden“, übers, v. Dr. Rudolf Meyer, Berlin 1886, S. 5:
„Grad’ wie die Schnecke bei der Hitze Sich tief verkriecht an geheime Sitze Und, wenn nicht eben Tau sie nähret,
Von ihrem eig’nen Fett nur zehret —
So die Hausfreunde, die armen Schlucker,
Kriechen in’s Loch als Unterducker,
Zehren ihr eigen Fett in den Ecken,
Haben keinen, an ihm herumzuschlecken:
Haust alle Welt ja im Sommerhaus 1 Man sieht gar wie ein Windspiel aus,
Solange dieses Fasten währet.“
Mitunter habe ich bei grosser anhaltender Hitze dies Gebahren der Weinbergschnecken und kleineren Schnirkelschnecken zeitweilig selbst bei uns beobachtet.
*) Nicht einmal träumen durfte man vom Austernessen. Der Märker Colerus sagt in seinem „Traumbuch“ Cap. 280: „Wann einem träumt, wie er Ostreen [Austern] e sse, oder dergleichen [Muscheln und Schnecken], so wird er in eine Kranckheit fallen“.