428
14. (5. ordentliche) Versammlung des VI. Vereinsjahres.
Sohr belustigend war der Handel mit Aalen. Dieselben wurden in kleine Fässchen gethan, welche unten spitz waren, nach oben etwas weiter.
Hinein kam Wasser, zwei bis drei dünne Aale und ein dicker. Die Verkäuferinnen zeigten die Aale nun so geschickt vor, dass der Käufer immer nur den einen dicken Aal sah.
War man handelseinig, so gab der Käufer sein Taschentuch, die Händlerin breitete es auf ihre Schürze aus, stülpte das Fässchen darüber und band es so schnell zu, dass der Käufer immer noch der Meinung war, er hätte ein gut Gericht dicke Aale gekauft.
Oft genug wurde diese Illusion schnell zerstört, denn die Aale machten sich Luft und suchten den nächsten Weg durch den Rinnstein in ihr natürliches Element. Die Jagd nach solchen entlaufenen Aalen gehörte zu den schönsten Belustigungen der Berliner Jugend und zwar damals aller Stände.
Die Zeit, von der ich spreche, liegt in den Jahren zwischen 1860 und 1870.
Wenn ich mir das Berlin von ungefähr 1865 vorstellen will, so muss ich eigentümlicher Weise immer zuerst an die Ziegeuherden denken, mit welchen damals ein schwunghafter Handel in unseren Mauern getrieben wurde.
Meine Eltern hielten, wie viele andere auch, die milchspendenden Tiere selbst und waren somit von den damals recht gefährlichen Milcli- plantschern unabhängig.
Von Zeit zu Zeit erschienen nun Händler mit Hunderten von Ziegen und nun begann der Handel, welcher zumeist in dem Umtausch der alten gegen frischmelkende Ziegen bestand.
Meine Mutter konnte sich Zeit dabei lassen. Wir wohnten am Spittelmarkt gegenüber der Spittelkirche. Der Platz an der Kirche vor dem Sparwalds Hof war so reichlich mit üppigem Gras bewachsen, dass die Ziegen gern und lange dort verweilten.
Was würde heute aus einer Ziegenherde, welche durch Berlin getrieben wird, werden? —
Dazu erinnere ich mich der Leipziger - Strasse, welche mit das schlechteste Pflaster von Berlin hatte, dafür waren die Rinnsteine allerdings desto grösser angelegt. Sobald ein Gewitter kam. waren trotzdem die Strassen überschwemmt, namentlich die Markgrafen - Strasse in der Gegend der Leipziger-Strasse. Dort wurde dann wassergefahren.
Das alte Berlin bot also für die lebenslustige Jugend viel mehr, als die heutige Gross- und Weltstadt.
Doch nun zurück zum Fischmarkt.
Während die Berliner Hausfrau bis dahin ihre Fische möglichst nur lebend kaufte, brachte die Eisenbahn nun allmählich die Produkte