22 Protokoll der 17. (7. ordentlichen) Versammlung des X. Vereinsjahres.
Sitzung der hiesigen Meteorologischen Gesellschatt vom 16. d. M. sich, wie folgt, auslässt.
„Sodann berichteten Herr Geheimrat II eil mann und Herr Dr. Meinardus über den Staubfall vom 9. bis 12. März 1901, indem ersterer der beiden Vortragenden den allgemeinen Gang ihrer gemeinschaftlichen eingehenden Untersuchung dieses höchst interessanten Vorkommnisses angab, Herr Dr. Meinardus darauf ihre hauptsächlicheren Ergebnisse auseinandersetzte. Der Staubfall vom 9. bis 12. März zählte zu den allerverbreitetsten derartigen Erscheinungen, die jemals bekannt geworden sind. Sein Gebiet erstreckte sich von Südalgerien nordwärts bis zu den dänischen Inseln, also über 2800 km oder mehr als 25 Breitengrade. Allerdings war es durch grössere Flächen, so im südlichen Deutschland, im nördlichen Österreich, in Russisch-Polen unterbrochen, auf die wenig oder gar kein Staub herniederfiel. Doch fanden sich andererseits einzelne versprengte Gebiete mit Staubfällen noch in Nordrussland, bei Kostroma und sogar bei Perm, östlich der Wolga, in mehr als 4000 km Abstand von Südalgerien. Im ganzen wurde eine Landfläche von 800 000 qkm, also mehr als die anderthalbfache Fläche des deutschen Reiches von Staubmassen betroffen. Von Süd nach Nord erlitt der Staubfall eine beträchtliche Verspätung. Vom 8. bis 9. März herrschten Staubstürme im algerischen Wüstengebiete südlich des Atlas. Am 10. März traten die ersten europäischen Staubfälle in Sizilien ein und dehnten sich an diesem Tage bis zu den südlichen Abhängen der Alpen aus. In der folgenden Nacht fanden sie im Alpengebiete selbst statt, am Morgen des 11. wurden sie schon nördlicher, etwa bei Bamberg, Vormittags im mittleren Norddeutschland, z. B. bei Berlin, Abends in Nordwestdeutschland, besonders im südlichen Holstein beobachtet, in der Nacht zum 12. gelangten sie bis nach Süddänemark, wo sie ihr Ende fanden. Ausserdem drang ein Östlicherer Zweig der Erscheinung im Laufe des 11. März über Ungarn nach Ostpreussen vor, von dem einzelne Teile erst am Nachmittag und Abend des 12. zu den russischen Gouvernements gelangten.
Sowohl das südnördliche Fortschreiten als auch die fächerförmige Ausbreitung der Staubfälle weisen mit Entschiedenheit auf ihren Ursprung im Süden hin, der auch durch mehrere andere Umstände bestätigt wird. Die Menge des Staubfalles nahm nach Norden im allgemeinen ab; im ganzen sind in Europa nach schätzungsweiser Berechnung 1 800 000 t Staubes gefallen, davon zweidrittel südlich der Alpen. Seine Farbe war überall rötlich oder bräunlich gelb. Er bestand hauptsächlich aus Quarz, Thon, Balcit, Eisenoxyden, die ihm die Färbung gaben, und hatte organische, aber keine vulkanischen Beimengungen. Der Staub war also unzweifelhaft irdischen Ursprungs und musste nach seiner Zusammensetzung und ganzen Beschaffenheit als äolische Bodenart aus einer sehr trockenen Gegend, wahrscheinlich dem südalgerischen Wüstengebiete stammen. Von Süd nach Nord fand auch eine Ausfällung der grösseren Bestandteile des Staubes statt, die gröberen Quarzteilchen nahmen ab, die feineren Thonteilchen zu.