2. (2. ausserordentliche) Versammlung des XII. Vereinsjahres.
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Ganz anders war das Schicksal von Tierkadavern auf dem Lande. Sie fielen meist anderen gefrässigen Tieren zur Beute, ihre Teile wurden auseinandergerissen und verschleppt, und es gehört deshalb zu den Seltenheiten, dass ganze Skelette, ja einzelne Knochenreste gefunden werden. Man würde hiernach ganz fehl gehen, wollte man auf ein selteneres Vorkommen der Land- als der Wassertiere in jenen Zeiten schliessen, weil wir erstere seltener finden. Wie gut uns durch die Niedei'schlage und Ablagerungen aus dem Wasser Reste von Tieren erhalten worden sind, davon zeigt die paläontologische Sammlung des Museums vor allem drei sehr schöne Beispiele, nämlich die im Schiefer von Holzmaden in Württemberg eingebettet gefundenen Skelette eines Fischdrachen oder Ichthyosaurus, eines Schlangendrachen oder Plesio- saurus, und das dem Solenhofer Kalkschiefer, welcher der Jura-Periode angehört, entnommene Skelett eines Urvogels oder Archaeopterix. Das erste dieser Tiere stellt ein den Walen verwandtes, in seinem ganz kurzen Hals und dicken Kopf den Delphinen ähnliches Meertier vor, das vielleicht, wie aus den zu eigentümlichen Flossen verkürzten Beinen hervorgeht, vordem wesentlich auf dem Lande lebte und sich dem Leben im Wasser erst angepasst hatte. Das in allen Teilen wunderbar gut erhaltene Skelett ist das einer Ichthyosaura, wie ein im hinteren Teil seiner Leibeshöhle enthaltenes kleineres Skelett beweist. Ein anderes, gleichartiges, etwas grösseres Skelett befindet sich in der vorderen Leibeshöhle und scheint darauf hinzudeuten, dass das Tier kurz vor seinem Ende einen jungen Ichthyosaurus verspeist hatte. An derselben Stelle bemerkt man auch zahlreiche kleine Häkchen und eine schwarze Färbung, beides Reste von Tintenfischen im Mageninhalt, die vielleicht Indigestion und Tod des Tieres verschuldet haben. Die Schnauze ist sehr lang und spitz, die Kiefer sind mit vielen spitzigen Fangzähnen besetzt. Die ja durch einen besonderen Knochenring geschützten Augenhöhlen scheinen zu bezeugen, dass das Tier in grosse Meerestiefen herabzusteigen vermochte, wo das Wasser einen starken Druck auf die Augen übt. Sehr verschieden zeigt sich das zweite Meeresreptil der Sammlung, Plesio- saurus Guielmi Imperatoris genannt, weil vom gegenwärtigen Kaiser dem Museum geschenkt. Es hat im Gegensatz zu dem ersten einen langen, für das Leben im Meere unbequemen Hals und einen kleinen Kopf. Auch nach der Form der zu breiten, ruderförmigen Paddeln umgebildeten Fiisse und der noch ziemlich langen vorderen und hinteren Extremitäten war das Tier bei weitem nicht so gut auf das Meerleben eingerichtet, wie der Ichthyosaurus. Es gilt als ein sehr seltener Fund, während der Ichthyosaurus in den Lias-Schiefern Württembergs häufiger angetroffen wird. Au einem zweiten Exemplar letzterer Gattung machte Dr. Solger auf ein schwarzes Band über der Wirbelsäule aufmerksam, das aus erhaltenen Hautresten besteht. Auch um die Flossen dieses