Die Mäuse am Denkmal der k. Gertrud.
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Ich kann die Rattenfängersagen nicht ohne einen Nachsatz abtun, den ich meinem diesjährigen Aufenthalte in Siebenbürgen verdanke. Dort bezeichnet man die Almescher Höhle als den Ort, wo der Rattenfänger von Hameln mit den 180 Kindern aus der Erde gekommen ist; und die siebenbiirgischen „Sachsen“ sollen die Nachkommen jener Kinder sein.*)
(Mäuse und Ratten, Teufel und Hexen.) Nachdem die niedliche kleine Maus zum Sinnbild für Nacht, Vernichtung und Tod erwählt war, — was, wie wir gesehen haben, bei ganz verschiedenen Völkern erfolgte und durch lange Zeiten hindurch Geltung hatte — sank sie bei uns gewissermassen von Stufe zu Stufe, schliesslich beim Teufel und den Hexen anlangend. Ihr dämonisches Wesen gewann sonderbare Eigenheiten. So verlor sie ihren von den Maus-Eltern rechtmässig ererbten Maus-Körper, d. h. sie konnte aus beliebigen Gegenständen hervorgezanbert werden. Ungezählte Menschen sollen Zeugen dafür gewesen sein; und die furchtbarsten Peinigungen sind denen zu Teil geworden, die solche Mäuse geschaffen haben sollten; denn genannte Fähigkeit war der beste Beweis für Hexerei. Es gab eben Zeiten, in denen die Frauen und Mädchen aller Stände mühelos Unterricht im Hexen erhalten haben sollen. Anfangs konnten sie nur ungeschwänzte Mäuse arbeiten; erst bei vollendeter Geschicklichkeit fertigten sie Mäuse mit Schwänzen.
Anfängerinnen wählten auch Birnen, aus denen dann die Mäuschen hervorschlüpften.**)
Der Teufel verschmähte es nicht, als Maus oder Ratte aufzutreten, und belästigte als solche auch die h. Gertrud.
Bei Gelegenheit der vor einigen Jahren angestellten Forschung über die beinahe unaussprechliche Kakukabilla-Cutubilla gab es gar interessante Mitteilungen. So schrieb Ignaz Zingerle:***) „Hiuter dieser Heiligen steckt die h. Gertrud. (Vergl. Z. d. V. f. V. 1901, 444f.) Sie gilt als Schutzfrau gegen Ratten und Mäuse, besonders Feldmäuse. Mir liegt ein Doppelbild, ein Holzschnitt aus der ältesten Zeit dieser Kunst (ein Nachdruck) vor. Das eine Bild stellt den h. Michael vor, wie er eine Seele abwägt. Zwei Teufel zerren an der einen Schale der Wage; in der andern sitzt die Seele. Neben dem Erzengel sitzt die Gottesmutter, mit dem göttlichen Kinde. Das zweite Bild zeigt uns eine Nonne, die am Spinnrocken sitzt, an dem eine Ratte emporsteigt. Zu ihrer Linken ist ein Lesepult mit einem aufgeschlagenen Buche, auf
*) Friedrich Müller, Siebenbiirgische Sagen. (1885.) 2. Aufl. S. 122.
**) Montanus, Die deutschen Volksfeste, Volksbräuche und deutscher Volksglaube u. s. w. (1854.) III. S. 172.
***) Ignaz Zingerle, Zur Sancta Kakukabilla-Cutubilla. S. 199f. (Z. d. V. f. V, 1892.)