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Friedrich Wienecke,
einem Bei'icht des Rektors vom 15. Mai 1792 wurden diese Zustände in folgender Weise geschildert:
„An Schulpolizei fehlt es der Berliner Garnisonschule ganz. Die Kasernenschulen können ihre Kinder tiiglich und unausgesetzt zur rechten Zeit haben, da jeder Soldat durch den aufsichtsführenden Offizier gezwungen -wird, sein Kind zur Schule zu schicken. Die Garnisonschule wird elend besucht, so z. B. ist die unten angegebene Zahl der Kinder oft nicht zur Hälfte da. Die Schüler der Garnisonschule kommen oft weit her. So war es z. B. der Fall, daß Knaben bei einfallend schlechter Witterung mehr durch ihre Eltern als durch sich selbst abgehalten werden. Mehr aber als dies geschieht es durch den Eigensinn und die Armut der Eltern. Die Kinder verlassen die Schule auf zwei Jahre und kommen im dritten wieder. Der Soldat verlangt, daß man mit seinem Kinde verfahre, wie er will. Sein Kind soll schreiben lernen, wenn es dazu lange noch nicht tauglich ist; ein anderer bittet, seine Tochter das Schreiben nicht zu lehren. Man kann solchen Eltern nicht willfahren, und sie nehmen ihre Kinder weg, bringen sie aber gewöhnlich, nachdem sie mit ihnen alle Schulen durchgekrochen sind, wieder, und die Garnisonschule fängt von vorne an. Manche denken, wenn sie ihre Kinder wie das Vieh haben aufwachsen lassen, so kann die Garnisonschule sie in zwei Monaten ganz umschaffen. Manche bringen ihre Kinder nur dann, wenn sie eben zum Prediger gehen sollen, und nicht lesen können. Während des jetzigen Rektors Amtsführung sandte das von Bornstädtische Regiment zwei Schüler, welche keinen Buchstaben kannten, keinen gesunden Begriff hatten und denen Gott und dessen Veranstaltungen zum Wohle der Menschen gänzlich unbekannt war, doch waren beide 20 und 18 Jahre und wollten in einigen Wochen lesen lernen; denn sie sollten in den katechetischen Unterricht gehen, und der Prediger wollte sie • ohnedies nicht annehmen. Der Rektor gab ihnen aus Mitleid noch Privatunterricht; aber die beiden Brüder kamen alle Woche zweimal; denn sie mußten ihr Brot mit Karreschieben verdienen. Nach kurzer Zeit gingen sie ab, lernten natürlich nicht lesen, sagten aber beim Regiment, sie wären in der Garnisonschule unterrichtet. Daher so manche Beschuldigungen, welche die Garnisonschule nicht treffen, Das Ausbleiben und Zuspätkommen ist ohne Grenzen, und von Seiten des Rektors läßt sich nichts dagegen machen. Denn die Kinder deshalb, wenn auch nur durch Stehen an der Tür oder durch Heruntersetzen, zu strafen, wäre unbillig, da sie gewöhnlich ihrer Eltern Armut vorschützen, und die Faulheit der Eltern oft zu deutlich hervor- sticht. Da eine Industrieschule bei der Garnisonschule nicht ist, und der Soldat nicht noch obendrein dafür bezahlt werden kann, daß er seinen Sohn zur Schule schickt, so kämpft die Schule mit mancherlei Mängeln, die aus Unordnung entstehen, und welche man der inneren Einrichtung der Schule zuschreibt, ohne so billig zu sein, nur einen Blick auf das Ganze zu werfen. Kinder gingen Mai 1792: 80 Knaben