Heft 
(1908) 17
Seite
372
Einzelbild herunterladen

372

Friedrich Wienecke.

Prüfung mit Absingen eines Verses aus dem Preußischen Garnison- Gesangbuche eröfiFnet ward.

Ungern vermißte ich unter den Anwesenden Sc. Excellenz den Herrn General-Feldmarschall von Möllendorff, denn ich war im Sommer dieses Jahres Zeuge, wie sehr die Gegenwart dieses Menschenfreundes die Kinder der Garnisonschule mit Muth und Freude beseelte. Wichtige Hindernisse müssen diesen Veteran der Preußischen Helden abgehalten haben, diesem Schulfeste seines Regiments beizuwohnen.

Die Schule ist sehr zweckmäßig in zwey Klassen vertheilt. Die erste Klasse, also die Fähigsten, wurden zuerst geprüft. Der Lehrer unterredete sich, nachdem er den Herrn Officiren in einer kurzen An­rede mit dem Zweck der Zusammenkunft bekannt gemacht hatte, mit seinen Schülern über die Vorsehung Gottes. Er legte dabey nach Anweisung des Katechismus für preußische Soldatenschulen vom Herrn Konsistorialrath Küster in Magdeburg, den Spruch aus dem Jesaias zum Grande: Hebet eure Augen auf und sehet in die Höhe, wer hat solches Alles gemacht? Seine Fragen waren zweckmäßig, und die Beyspiele gut, vorzüglich aus dem Soldatenleben gewählt. Die Kinder antworteten munter, aber so, daß man es gut hören konnte, daß sie nicht auf diese Fragen vorbereitet waren, und das, was er mit ihnen wiederholte, mehr mit dem Verstände als Gedächtniß gefaßt hatten. Vorzüglich lobenswerth war, daß er die Kinder besonders auf den Satz aufmerksam gemacht hatte: Jede Sünde bestraft sich selbst, so wie sich jede Tugend selbst belohnt; denn dadurch bekommen die Kinder nicht nur einen rechten Begriff von der strafenden und belohnenden Gerechtigkeit Gottes, sondern sie lernen auch das Laster seiner eignen Schädlichkeit wegen fliehen und meiden. Der vortreffliche Gellertsche Vers.- Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht etc. beschloß diesen Theil der Prüfung.

Nun ließ er im Lesebuch für preußische Soldatenschulen*) 1 ), wovon der König jedem Regimente eine Anzahl geschenkt haben, das Stück aufschlagen: Die furchtlosen Soldaten. Die Kinder lasen dreist, mit An­stand und ohne bedeutende Fehler. Dann unterredete sich der Lehrer mit ihnen über dieses Stück und bemühete sich, ihnen die Pflichten eines Soldaten recht einzuschärfen. Besonders ermunterte er sie, sich schon von Jugend an zur Furchtlosigkeit zu gewöhnen, weil man durch frühe Übung immer mehr Fertigkeit in der Ausübung seiner Pflichten erlange. Er ließ sich über manche andere Pflichten des Soldaten aus dem Lesebuche Beispiele anführen und gebrauchte auf diese Art das Buch gewiß recht zweckmäßig, welches den Herrn Offleieren umsomehr Freude machen mußte, da dies Regiment das erste in der Berlinischen

*) Es kostet bei dem Buchdrucker Dieterici in der Spandauerstraße 6 Gr., wenn 25 zugleich genommen werden, 4 Gr.

*) Verfasser war der Berliner Parochialschullehrer Johann Friedrich Michaelis auf der Luisenstadt.