Heft 
(1908) 17
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8. (6. außerordentliche) Versammlung des XVII. Vereinsjahres.

sicht auf die Gesundheit vereinbaren läßt. Das gilt besonders für die Erwerbenden in der Großstadt und wird am lebhaftesten empfunden von der weniger widerstandsfähigen erwerbenden Frau. Sie muß, wenn ihre Kräfte nicht vorzeitig aufgerieben werden sollen, mindestens einmal im Jahre ausspannen. Aus Rücksicht auf die Reisekosten kommen für sie nur Sommerfrischen in der Nähe der Hauptstadt in Frage, und diese sind gewöhnlich nicht nur recht teuer, sondern auch sehr dürftig ein­gerichtet. Der Verein Frauenerwerb hat deswegen im Frühjahr 1905 für seine Mitglieder bei Borgsdorf ein Erholungsheim gegründet, welches ihnen eine mietefreie Wohnung für mehrere Wochen bietet. Der Besitzer des Hauses, Herr Dr. Ing. Wolff, hat das Wohnhaus un­entgeltlich zur Verfügung gestellt, der Verein dagegen die Innenein­richtung übernommen. Es enthält 5 Wohnräume für Erholungsbedürftige und 2 Küchen zu gemeinsamer Benutzung. Die Ausstattung eines Stübchens mit Möbeln aus weißlackiertem Tannenholz, kostete ein­schließlich der Gardinen nur 220 M. Sie wurde deswegen so einfach ausgeführt, weil man fremde Mittel nicht in Anspruch nehmen und keine Wohltätigkeitsanstalt, sondern eine Wohlfabrtseinrichtung schaffen wollte. Ein Vorzug der Möbel besteht in ihrer Kombinierung: 1. Der

Kleiderschrank mit Hutfach und Schirmständer ist kombiniert mit einem Nachttisch; der Sockel is mit Linoleum geschützt. 2. Die Wäschekommode mit 3 Schubläden ist kombiniert mit einem verschließbaren Schreib­sekretär. 3. Die Holzklappe am Fußende der Bettstelle kann herunter­geklappt werden, sodaß das Bett am Tage als Chaiselongue zu benutzen ist. 4. Der Waschtisch mit Deckelklappe ist gleichzeitig Schuhbehälter. Spiegel, Konsolbrett, ein ovaler Tisch und 3 Stühle vervollständigen die Zimmereinrichtung. Da diese nicht nur für Erholungsheime und Kranken­häuser, sondern auch für Familienzimmer mustergültig ist, hat der Verein im Berliner Kunstheim Potsdamerstr. 19 beständig eine solche Einrichtung unentgeltlich ausgestellt.

Mit der Einrichtung des Erholungsheims in Borgsdorf hat der Verein nicht nur einen Selbstzweck erfüllt: er will auch anregend und vorbildlich dahin wirken, daß in der Nähe der Großstadt recht viele ähnliche Anstalten errichtet werden. Was hier glücklich vollendet vor uns steht, ist nur ein Stück, ein Ausschnitt aus dem reichen Leben des Vereins Frauenerwerb. Die Vielseitigkeit des Lebens, das hier nach Gestaltung ringt, erklärt sich aus seinem idealen Grundgedanken; er lautet kurz:Hebung des Frauenlebens. Diese Idee sucht der Verein zu realisieren, indem er

1. bekämpft auf gesellschaftlichem Gebiete die Her Vorkehrung der Klassenunterschiede und der trennenden Momente und dafür anstrebt, in den Frauen das Gefühl der Solidarität zu erwecken und die ihnen gemeinsamen einigenden Gesichtspunkte zum Bewußtsein zu bringen,