436
Dr. Grabow.
ältesten Flußnamen in der Mark sind deutschen Ursprungs. Die vor der Völkerwanderung hier ansässigen Sueven 1 ) nannten die Spree nach einem Stammwort, dem die heutigen Wörter spreiten, sprießen, Spreu angehören, 2 ) um damit einen weit sich ausbreitenden Fluß zu bezeichnen. Die Havel führt nicht den Namen von den an ihren Ufern wohnenden Ilevellern, sondern diese sind nach dem Flusse benannt, der reich an Buchten, Ilaven ist. Die Namen der Landschaften in der Mark aber sind slawischen Ursprungs. Barnim, zusammenhängend mit slavv. baran, baranek = Sehaf-bock und -lamm, bedeutet also das Schäfland; Teltow, zusammenhängend mit slaw. tele = Kalb, also das Kälberland. Von alten deutschen Ortsnamen findet sich bei den alten Geographen, z. B. bei Ptolemaeus (130 n. Chr.) keine Spur. Slawische Namen aber sind in der Mark in Menge vorhanden, wie Teltow, Stralau, Pankow, Treptow usvv.
Auch die Deutung eines französischen Gelehrten Bullet, wonach Berlin eine Flnßkrümmung bedeuten soll, kann, selbst wenn sie irgend einer Sprache wörtlich entnommen seiu sollte, nicht befriedigen, weil der öfter vorkommende Name Berlin auch an Seen und Ortschaften haftet, die weitab von Flüssen gelegen sind. Lessing, der den Unsinn dieser Deutungen durchschaute, machte, offenbar im Scherz, 'den Vorschlag, den Namen Berlin ganz einfach aus dem Griechischen abzuleiten: wahrscheinlich hätten griechische Kolonisten an den Ufern der Spree gewohnt, die mit einem schweren Netze (ßa pv XiW) fischten und hiernach ihren Wohnort benannten. Lessing wußte recht gut, daß es eine griechische Kolonie in der Mark nie gegeben hat.
Wer die Lösung des Rätsels, was der Name Berlin bedeutet, ergründen will, muß zuerst die Vorfrage beantworten, ob und wo der Name sonst noch vorkommt und was damit benannt sei.
Am bekanntesten sind außer der Hauptstadt der große und kleine Berlin, zwei Plätze in Halle, die nicht weit von der Saale liegen. Ebenso heißt eine bei Nordheim im Hannoverschen liegende Viehweide, dann zwei Dörfer, Groß- und Klein-Perlin im Kreise Lauenburg i. P., ein Perlin in Mecklenburg, ein Parlin bei Terespol und ein Perlin auf einer Hochebene bei Brody in Galizien. Auch die Stadt Berlinchen in der Neumark wird in einer lateinischen Urkunde vom 25. Januar 1278 „nova Berlyn“ genannt. Auch Seen führen den Namen: bei Wittstock liegen der große und kleine Berlin. Im Wendischen lautet der Name der Reichshauptstadt Barlin.
Hieraus ergibt sich zunächst, daß der Name Berlin nur in Gegenden vorkommt, die ehemals von Slawen bewohnt waren, und zwar nicht nur
') vgl. Ptolem. II 11 § 16.
! ) So heißt im Althochd. der Wegerich (plantago) „wegespreiti“, rveil er sich auf Wegen breit macht.