Heft 
(1908) 17
Seite
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Dr. Grabow.

die Feder. I)a ist in dem Namen doch pero (die Feder) völlig überflüssig.

Daß derartige Erklärungsversuche nicht zu einem befriedigenden Ergebnis geführt haben, scheint mir namentlich daran zu liegen, daß man bisher gehofft hat, die einschlägigen Wörter vollständig gebrauchs­fertig den Wörterbüchern entnehmen zu können, ohne daran zu denken, daß es in jeder lebenden Sprache eine Menge von Wörtern gibt, die nicht in den Wörterbüchern stehen. So fehlen im jetzigen Deutschen eine Menge von Grundwörtern, die in früherer Zeit vorhanden waren; es fehlt z. B. zu dem Worte Unflat das einfache Grundwort vlat oder flat Schönheit. So findet man in den Wörterbüchern wohl das Wort schimmern = Lust haben, zu scheinen, es fehlt aber das davon durch Ablaut gebildete schummern = Lust haben, nur ganz wenig zu scheinen. 1 ) Ebenso ist es in den slawischen Sprachen. Ein verloren gegangenes Grundwort werden wir im folgenden kennen lernen. Die Wortbildung aber ist in den slawischen Sprachen wegen der großen Anzahl von Suffixen, deren Sinn und Bedeutung im unmittelbaren Sprachgefühl liegt, eine so mannigfaltige, daß nicht alle möglichen Ableitungen in den Wörterbüchern aufgeführt werden können. So kann man von matka, Mutter, ableiten: inatuchna, matulka, matulenka, inatusia, matusienka, matusienieczka, matunia, matvnka, matenkä, alle in der Bedeutung liebe Herzensmutter, und ebenso viele Ableitungen sind auch von ojciec, Vater, möglich, aber nicht alle stehen im Wörterbuch.

Die Deutung des Namens Berlin wird auch dadurch erschwert, daß die Bildung desselben schon vor etwa 800 Jahren erfolgt ist; daß der Name in so vielen weit von einander liegenden Gegenden wie Hannover, Sachsen, Pommern, Brandenburg, Westpreußen, ja sogar Galizien vor­kommt und für alle deren Sprachen und Dialekte passen soll; daß er nur auf das Berlin Genannte passen soll, auf alles andere aber nicht; daß er endlich aus den allen Volksstämmen gemeinsamen Lautgesetzen und den gleichen der Wortbildung zu gründe liegenden Anschauungen liervorgegangen sein soll.

Eine solche Deutung glaube ich gefunden zu)haben)und lege sie hiermit zur weiteren Prüfung vor.

Der Name Berlin ist, wie die Betonung auf der Endsilbe zeigt, nicht deutschen Ursprungs, kann deshalb uur slawisch sein, weil andere Völker als Slawen und Deutsche in den letzten Jahrtausenden nicht in der Mark gewohnt haben. Die wendische Sprache war zur Zeit der Völkerwanderung und ist auch heute noch mit der polnischen und czechischen nahe verwandt, stand auch während der ganzen Zeit unter dem gleichen Einfluß des abendländischen Christentums, sodaß die Wort-

') Vgl. Grabow, die Musik in der deutschen Sprache. Leipzig 1879. S. 53.