Heft 
(1908) 17
Seite
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Dr. Grabow.

Wir brauchen gar nicht so weit zu suchen: im czech. Wörterbuch von Josef Rank stehtberla, der Stab, llirtenstab, Bischofsstab, Szepter, Krücke, dazu berlonos, Stabträger, Szepter träger. Audi im Wendischen heißt bjerlo das Szepter. (Vgl. Wörterb. v. Pfuhl). Denselben Anhalt gibt das polnische Wörterbuch von Mrongovius: berlo 1. Szepter, 2. in der Jägerei die Vogelstange, 3. botanisch pedicularis sceptrum L., und im deutsch-polnischen Wörterbuch Karls Zepter, Lat. pedicularis sceptrum carolinum. Daraus ergiebt sich: es gibt wirklich nicht nur einen aus dem Pflanzenreich stammenden Stab, sondern auch ein Kraut, das von den Slawen berla oder berlo benannt ist. Wie nun Grabina ein Ort ist, wo viel Buchen stehen, jaworina, wo viel Ahorn, zwierzyna, wo viel Wild, hribina, wo viel Pilze, Lipin oder Lipiua, wo viel Linden sind, so würde also Berlin einen Ort oder ein Stück Landes bedeuten, wo viel berlo ist.

Bis hierher ist das Ergebnis unserer Untersuchung ein zweifellos richtiges. Es fragt sich jetzt nur noch, was berlo bedeutet, d. h. welches Kraut diesen Namen hat, oder welche Pflanze man unter diesem Namen zu verstehen hat. Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir uns auf ein sehr schwankendes Gebiet begeben, denn mehrere ganz ver­schiedene Pflanzen haben oft denselben Namen, z. B. die in der Mark Kuhblume genannte Pflanze heißt in der Botanik Caltha palustris, wird aber in Büchern (Garcke) Butter-, Dotter- oder Sclunalzblurne genannt, während die in der Mark Butterblume genannte Pflanze, das Leontodon taraxacum, die Ringelblumo bedeutet. Ein Beispiel dafür, daß eine Pflanze verschiedene Namen hat, ist Verbascum thapsus. Hagen führt dafür folgende Namen an: Wollkraut, Königskerze, Kerzenkraut, Welke, Feldkerze, Färberwollkraut, Brennkraut, Fabelkraut, Himmelbrand, Unholdenkraut. In der Mark ist für dasselbe Kraut der Namewilder Tabak gebräuchlich. Ebenso wird von einigen Botanikern der Hederich raphauistrum arvense, von andern raph. silvestre, von andern raphanus raphanistrum genannt; deutsche Sprachgelehrte aber, die von Botanik nichts verstehen, bringen den Namen Hederich nach seinem ungefähren Klange mit der Pflanze gleclioma hederacea zusammen, obwohl der Hederich nicht, was hederacea sagt, epheuartig wächst. Andere Sprach­forscher wollen darin eine Verkürzung des Wortes Heiderettig erkennen, noch andere sehen in der Endsilbe -rieh die Bedeutung des Vor­herrschen, wie in Theoderich, Dietrich, Gänserich, Enterich, Täuberich, und bei Pflanzen Kuöterich, Weiderich, Wegerich, und wie letzterer am Wege vorherrscht, so der Hederich auf der dürren Heide. Ich halte die letztere Deutung für die richtige.

Einen anderen merkwürdigen Fall der Namengebung will ich noch anführen, weil er am besten beweist, wie willkürlich dabei in manchen Fällen verfahren wird.