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Dr. Grabow.
Ich habe diese ausführliche Beschreibung liier beigefügt, nicht weil ich glaube, die Slawen hätten mit dem Worte berla die Pflanze Ferula communis L. gemeint — das konnten sie nicht, denn in den nordischen Ländern wächst die südeuropäische Pflanze nicht —, sondern weil ich in ihrer Verwendung zu allerhand Verrichtungen einen Anhaltspunkt finde dafür, daß der Name leicht in den Vorstellungskreis und den Sprachschatz der slawischen Völker übergehen konnte. Schon bei den Griechen war das axijmQov nicht nur ein Stab, auf den man sich stützt, ein Wanderstab oder Bettlerstab, sondern auch das Zeichen irgend einer Würde oder Gewalt, der Herrscherstab, Richterstab, Priesterstab, Herold- Stab: Er wird bei Homer in der Volksversammlung vom Herold dem Redner gereicht, wird beim Schwur in die Höhe gehoben, dient auch zum Schlagen'). Er ist gewöhnlich mit Gold belegt oder mit goldenen Buckeln beschlagen. Beinahe ebenso vielfach ist die Verwendung* der Ferula. Sie dient als Stab, Stütze, als Werkzeug zum Strafen, muß uch von wichtigen Personen als Zeichen ihrer Amtswürde getragen aworden sein, denn im Latein des Mittelalters heißt so der Priesterstab, Abtsstab, Bischofsstab. Der Abtsstab wird im Archaeologischen Wörterbuch von Müller u. Mothe (Verlag v. Spemer) so beschrieben: „Er hatte unten einen Stachel, oben eine Kugel oder eine Krümmung. Ähnlich war der Bischofsstab. Vom 12. Jahrhundert legte man, wie fast allen Gegenständen des Kirchenschmuck?, so auch der Form und Verzierung des Bischofsstabes allerlei symbolische Beziehungen unter: mit der Krümmung oben sollte der Bischof die Gläubigen an sich ziehen, mit dem Schaft regieren, mit dem Stachel aber sollte er die Trägen im Glauben antreiben. Dies ist auch der Sinn eines auf Bischofsstäben oft angebrachten leoninischen Hexameters:
„Attrahe per primum, medio rege, punge per imum.“
Da haben wir wiederum die Ferula als Symbol der Strafgewalt und der Amtswürde. In Graffs ahd. Sprachschatz 111 S. (578 heißt dieser Stab ferala und wird als virga episcopalis erklärt. Im Altfranzösischen hat förule dieselbe Bedeutung, und noch heute bedeutet sie nach Sachs franz. Wörterbuch: 1. Steckenkraut, 2. Zuchtrute, Rutenhieb, 3. gewaltiges Ansehen. Nach Diercks bedeutet ferula im Spanischen 1. Sumpfbeere, 2. Zuchtrute, und nach Muret-Sanders ist im Englischen ferule eine Rute oder ein Lineal zum Strafen der Schulkinder, und bedeutet auch als Redensart, „mit der Rute oder dem Lineal züchtigen“.
In allen diesen Sprachen ist der Lautbestand des Wortes fast ununverändert geblieben, namentlich im Althochdeutschen ist aus dem f kein b geworden. Anders in den slawischen Sprachen. Schon oben S. 442 habe ich gezeigt, wie lat. / und poln. b sich entsprechen. So
') Ilias 2, 199, 265, 268.