Heft 
(1908) 17
Seite
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Was bedeutet der NameBerlin?

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stimmt also poln. berto, wend. bjerlo, czecli. berla nicht nur dem Laut­werte nach, sondern auch in der Bedeutung durchaus mit ferula über­ein, denn in diesen Sprachen bedeutet es den Bischofsstab, das Zepter, außerdem aber noch im Czechisclien Stab, im Polnischen Stange, so daß also die Identität von slavv. berlo und lat. ferula erwiesen ist. Diese Wörter sind aber nicht zwei nur zufällig oder durch gesetzmäßige Laut- wandlung übereinstimmende Vokabeln, sondern es liegen beiden auch die gleichen sinnlichen Anschauungen zugrunde: man stellte siclijdarunter eine Pflanze, ein Strafwerkzeug und ein Amtswürdenzeichen vor, und alle diese Vorstellungen wurden anschaulich übermittelt durch den Ein­fluß der Kirche und ihrer Diener, die im Mittelalter fast im Alleiubesitz aller Bildung waren und großen Einfluß auf das öffentliche und Privat­leben ausübteu. Der mit Gold verzierte Bischofsstab, dessen symbolische Bedeutung die Priester kannten und lehrten, mußte ja auf die Phantasie der Völker einen tiefen Eindruck hervorbringen und so war'es'natürlich, daß der Symbole suchende Geist des Zeitalters auch in der Pflanzenwelt einen Ersatz für die Ferula haben wollte, da diese im Süden heimische Pflanze den nördlichen Ländern versagt war. Sehen wir zu, was die einzigen Quellen hierüber, die Wörterbücher, uns sagen. Ich finde nur im lateinischen Wörterbuch von Georgesferula, das Pfriemenkraut, Gertenkraut, im Französischenferule, Steckenkraut, im Polnischen pedicularis sceptrum L., Rödelkraut. Sucht man nun in botanischen und anderen Wörterbüchern diejenigen Pflanzen auf, welche mit dem Namen Pfriemenkraut usw. bezeichnet werden, so findet man Sisym- brium sophia, Sarothamnus scoparius, Besenkraut, verschiedene Ginster­arten, Brennkraut, Wollkraut, Königskerze, Verbascum thapsus. Zieht man nun alles in Betracht, was ich S. 440 ff. über die unbestimmte und vieldeutige Benennung der Pflanzen gesagt habe, so kann es nicht zweifel­haft sein, daß man unter berlo nicht überall die gleiche Pflanze ver­stand, wie die Ferula, eine Doldenpflanze, sondern eine nur in manchen Beziehungen, z. B. im langstengligen Wuchs, ihr ähnliche. Man fand den Bischofsstab, das Zepter, in der Natur symbolisch vorgebildet durch hoch wachsende Pflanzen mit goldgelbem Blutenstände, nannte derartige Pflanzen Zepterpflanzen, unter anderem auch die in der Mark gar nicht wachseude pedicularis sceptrum, die, wie wir gesehen haben, von Rudbeck sceptrum Carolinum genannt wurde, und deren Benennung hat vielleicht polnische Botaniker veranlaßt, den Namen berlo damit gleichzustellen. Berlo ist also ein Gattungsname, der alle stattlichen Pflanzen von hohem Wuchs und goldgelbem Blütenstande umfaßt, ebenso wie man unter Kraut oder unter Heide viele recht verschiedene Pflanzen versteht. Da nun die Berlostauden auf unangebauten, mageren, waldlosen, höchstens als Viehweide benutzten Flächen wuchsen, so bekamen derartige Ländereien den Namen Berlin, wie man Orte, wo die lipa wächst, Lipin oder Lipiue