11. (8. außerordentliche) Versammlung des XVII. Vereinsjahres. 491
Nach dem Besuch der Stadtkirche wanderten wir hinüber zu der benachbarten Schloßkirche. Wir besichtigten zuerst ihr Äußeres, das sehr schlicht gehalten ist, denn nur über der einen Tür befindet sich ein preußischer Adler. Beim Betreten des Gotteshauses wurden wir mit Orgelspiel empfangen. Wir nahmen auf den Bänken Platz, und Herr Schloßprediger Krücke gab uns eine Übersicht über die Geschichte der Kirche. Er führte aus, daß die reformierten Kirchen sich dadurch von den übrigen christlichen Kirchen abheben wollten, daß sie alle Unterschiede innerhalb der Gemeinde beseitigten; sie wollten in ihrem Innern nur eine Gemeinde im Herrn sein. Es fehlen deshalb besondere Abteile und Emporen, unsere Kirche z, B. besteht aus einem einzigen großen quadratischen Raum. Die Reformierten waren in unserer Provinz sehr wenig beliebt, nach der Meinung der Mitglieder der anderen christlichen Bekenntnisse konnte ein Reformierter nicht selig werden, und in Strausberg z. B. durfte ein Bürger keinen Reformierten beherbergen. Als hier diese Kirche erbaut wurde, waren die Bürger derartig empört darüber, dass der Kurfürst eine Abteilung Reiter zum Schutz der Pastoren herüberschicken mußte. Der Erbauer der Kirche war der Reichsfreiherr Otto von Schwerin, der im Jahre 1654 die Grafschaft Alt-Landsberg von der Familie von Krummensee kaufte. Er baute ein Schloß und gründete in der Stadt eine reformierte Gemeinde, indem er aus der Pfalz und von dem Niederrhein Kolonisten heranzog.
Zuerst wurde der Gottesdienst in einem Zimmer des Schlosses abgehalten, bis im Jahre 1671 diese Kirche erbaut wurde. Auf dem Schlosse verlebte der erste König von Preußen, Friedrich I., seine Jugendjahre, er brachte auch in seinen letzten Lebensjahren die Sommer hier zu, nachdem er im Jahre 1708 die Herrschaft Alt-Landsberg gekauft hatte. Auch Friedrich Wilhelm I. war in Alt-Landsberg und hat sich z. B. auf das arme Sünderbänkchen in dieser Kirche gesetzt mit den Worten: „Arme Sünder sind wir alle.“ Bald darauf ist die Bank dann aus der Kirche verschwunden. Das Schloß brannte 1657 vollständig nieder und ist nicht wieder aufgebaut worden. Jetzt ist das Areal Königliche Domäne.
Nach der Besichtigung der beiden Kirchen pilgerten wir zur Stadt hinaus nach dem Schützenhaus, wo der Kaffee eingenommen werden sollte. Hierbei hielt Herr Pastor Giertz einen Vortrag über die Geschichte von Alt-Landsberg. Wir heben folgendes daraus hervor. Das Landsberg an der Warthe wird 1257 zur deutschen Stadt erhoben, weshalb Alt-Landsberg, von dem es den Namen hat, wohl um einiges älter sein muß. Es war bei der Kolonisation eine Immediatstadt, die unter einem markgräflichen Vogt stand, bis sie im Jahre 1409 durch den Markgrafen Jobst von Mähren an die Herren von Krummensee, die hier eine Burg
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