Heft 
(1908) 17
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15. (4. ordentliche) Versammlung des XVII. Vereinsjahres.

der deutschen Volkslieder angelegen sein lassen, weil in ihnen die Re­gungen und Empfindungen der Volksseele unverhüllt zum Ausdruck kommen und weil sie alles das enthalten, was das Volk bewegt, was es versteht und was es gntheißt. Auf diesem Gebiete ist infolge der An­regung von allerhöchster Stelle schon viel getan, aber es bleibt noch immer genug zu tun übrig, das Wichtigste ist zunächst eine umfassende, systematisch geordnete Sammlung und Bearbeitung der deutschen Volks­lieder. Tn gleicher Weise muß die Volkskunde auch für die Sammlung und Aufzeichnung älterer Erzeugnisse der deutschen Volkssprache, be­sonders der Dialektformen tätig sein, ferner für die Sammlung und Er­haltung früherer noch vorhandener Volkstrachten, alter Hans- und Wirt­schaftsgeräte und alter Siedlungen und Wohnstätten. Alle diese Dinge sind von Wichtigkeit für die Geschichte und Entwicklung einzelner Stämme, für Untersuchungen über ihre Herkunft und für ihr wirtschaft­liches und geistiges Leben. Die Beschäftigung mit der Volkskunde hat einen hohen sozialen Wert. Wer ohne Kenntnis der Eigenart eines Volkes aufwächst, der wird stets ohne Einsicht für die sozialen For­derungen des Volkslebens bleiben; von der Volkskunde kann jeder, selbst der Gebildetste etwas lernen, und darum ist die Beschäftigung mit der Volkskunde jedem zu empfehlen, ja sie ist geradezu eine Pflicht des Einzelnen. Damit aber die Sammlungen, Forschungen und Arbeiten auf dem Gebiete der Volkskunde der Wissenschaft den rechten Nutzen bringen, muß die Leitung aller Bestrebungen in den Händen von Sachverständigen liegen, sie müssen die Freunde der Volkskunde zur Mitarbeit heranziehen, das gewonnene Material sichten und bearbeiten und zur Verbreitung der Ergebnisse der volkskundlichen Forschung beitragen. Dadurch daß die Volkskunde Sache aller Glieder des Volkes wird, können die großen Ziele, die sie sich gesteckt hat, erreicht werden.

Den Beschluß der Tagung bildete ein Festmahl im weißen Saale der Ressource, an dem gegen 250 Personen teilnahmen. Das Hoch auf den deutschen Kaiser als den Förderer volksfreundlicher Bestrebungen brachte Prof. Dr. Mogk aus, darauf dankte Prof. Dr. Rüdiger allen, die zum Gelingen der Festversammlung beigetragen hätten, insbesondere den Vertretern der einzelnen Vereine und dem Kultusminister, der einen Ver­treter zur Tagung entsandt habe. In seiner Erwiderung betonte Geh. Ober-Reg.-Rat Schmidt, daß das Ministerium den Bestrebungen des Ver­bandes sympathisch gegenüberstehe und diesen nach Kräften unterstützen werde. Er schilderte dann, was bisher in Deutschland für die Sache dev Volkskunde geschehen ist, ermunterte zu weiterem ersprießlichen Arbeiten und Forschen und trat warm für die Wiederbelebung des Volks­gesanges ein. Geheimrat Friedei brachte dem Verbände seine Glück­wünsche in dreifacher Eigenschaft dar, als Vertreter des Oberbürger­meisters der Stadt Berlin, als Dirigent des Märkischen Provinzial-