Heft 
(1908) 17
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Neuruppinische Leichenpredigten.

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Frau Mutter. Vor diesen sind dergleichen curciones nicht gehalten, wenigst gediuckt worden. Es gibt auch katholische Leichenpredigten, sie kommen aber selten vor; insbesondere befinden sich in der Bibliothek des historischen Vereins in Marienwerder einige Leichenpredigten eines Jesuitenpaters Heintze, der um 1720 lebte. Die Leichenpredigten bestehen in der Regel aus Anfangs- und (oder) Schlußgebeten und aus vier ver­schieden geordneten Teilen: der eigentlichen Predigt, den Personalien des Verstorbenen (Personalia, Lebenslauf, Curriculum vitae, Ehren- gedächtnis, Memoria-Elogium, Commendatio pie-defuncti, Dank- und Grab-Mahl, Prosopographia), der Abdankungsrede (Stand-, Trauer-, Trostrede, Parentatio ) und den Nachrufen (Epicedia), die den Ver­storbenen die Berufsgenossen (bei Professoren und Studenten auch die Tischgenossen), Bekannten, Freunde, Gönner und meistens an letzter Stelle die Verwandten in lebenden und alten Sprachen und in dich­terischen Formen (Carmina lagibria) widmen. Grade der TeilPer­sonalien ist es, der die Leichenpredigten für die Familien- und Orts­geschichte wichtig macht. Die Personalien bringen nicht nur eine Lebensbeschreibung des Verstorbenen, der oft die in der Predigt und den Reden ausdrücklich wiedergegebenen oder zwischen den Zeilen zu lesenden Einzelheiten eine willkommen und unschätzbare Ergänzung und Abrundung erfährt, sondern auch Angaben über seine väterlichen und mütterlichen Voreltern, oft bis zu den Urgroßeltern, bei Adligen manchmal noch weiter hinauf. Eine andere Eigenart der Leichenpredigten hängt mit jener Zeit des Humanismus zusammen, als deutsche Gelehrte aus Italien, wo durch glänzende Höfe und reiche Städte Künste und Wissen­schaften gefördert wurden, Liebe und Begeisterung für das künstlerische und wissenschaftliche Altertum nach Deutschland gebracht hatten, und zeigt sich insbesondere in der Überladung mit Zitaten aus alten Schrift­stellern und mit altsprachlichen Worten, Ausdrücken und Wendungen und in der Latinisierung und Gi'äzisierung der Eigennamen, sei es durch Anhängung von Endungen, sei es durch vollständige Übersetzung. In einer Leichenpredigt des Pfarrers und Superintendenten Daniel Fessel(ius) in Cüstrin finden sich z. B. Zitate aus Plinius, Aeschylus , A icephorus, Josephus, Tertallianns, Epiphanias, Irenaeus und Augustinus.

Die nun folgenden Auszüge, bei denen insbesondere die Angaben über Schulen und Reisen, die die Verstorbenen besucht und gemacht hatten, berücksichtigt sind, sind der Zeitfolge der Sterbejahie nach ge­ordnet, und beginnen jedes Mal mit einer Wiedergabe des charakteristisch­schwülstigen Titels der Leichenpredigt. Einzelne Stellen des Inhalts der Leichenpredigt sind wörtlich wiedergegeben, nicht nur wegen des damaligen Stils und der damaligen seltsamenRechtschreibung, sondern auch weil das in ihnen Erzählte ohne diese wörtliche Wiedergabe seinen besonderen Eindruck und Reiz verloren hätte. Die. älteste und die jüngste

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