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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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Der Einfluß des soziokulturellen Status der Eltern 237

ersteren Familien die Akzeptation des hirngeschädigten Kindes deshalb so schwer fällt, weil sie sich in ihrem Sozialprestige verletzt fühlen, wird bei der zweiten Gruppe von den Eltern der Gedanke, daß das Kind zu gewissen Leistungen nicht fähig sein könnte, von vornherein nicht gestellt. Diese Eltern können sich nicht in die Gedankenwelt eines behinderten Menschen hineinversetzen und gewinnen den Zugang zu anderen Menschen hauptsäch­lich durch die Leistung. Einen guten Einblick in die jeweilige Familiensitua­tion bieten die Fallbeschreibungen Müller-Küppers(S. 42 ff.), die aus der Perspektive des Kinderpsychiaters erstellt sind.

Es finden sich noch andere unterschiedliche Faktoren, die direkt oder indirekt die Berufsbewährung des cerebral geschädigten Jugendlichen der Oberschicht beeinflussen. So übernimmt das Kind auch seine Wertvorstellun­gen vor allem aus der Familie. Damit soll nicht behauptet werden, daß die Familie die einzige Gruppe sei, die in dieser Weise den Aufbau der sozio­kulturellen Persönlichkeit in ihren Wertäußerungen vermittelt. Neben der Familie stehen die Spielgruppen der Kinder und die Nachbarschaft. Dazu kommt, daß die Familie allen anderen Gruppen zeitlich vorangeht, daß sie Fundamente legt, an die alles übrige sich später anschließt. Außerdem ist in der Familie die Unmittelbarkeit des Kontaktes am größten und die persön­liche Vertrautheit am innigsten, während die anderen Gruppen lockerer sind und den Menschen ferner stehen als die Familie??).

Im Elterneinfluß wirkt natürlich nicht nur das persönliche Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluß von Familien- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen Anforderungen des jeweili­gen sozialen Milieus??). Darum vertritt Rosenmayr auch die Auffassung, daß der Beruf des Vaters ein hervorragender Indikator für die dem Jugendlichen zuteil werdenden kulturell geformten Stimulierungen ist?°), wobei unter Kul­tur ein verhaltensbestimmendes System von Werten, Normen und Symbolen zu verstehen ist?2®©.

Daraus ergibt sich, daß in Familien von Angehörigen verschiedener Schich­ten ein unterschiedliches sozio-kulturelles Milieu vorherrscht. Dies beeinflußt die Lebenshaltung. So ist die Mittel- und Oberschicht mehr aktivistisch und zukunftsorientiert. Man ist hier überzeugt, daß man für die Zukunft planen muß und daß man sich von der Familie trennen muß, wenn es nötig ist, um im Leben voran zu kommen. Die Unterschicht hingegen weist bei einem niedrigeren Leistungsstreben eine mehr passive, gegenwartsbetonte und fami­lienbezogene Orientierung auf. Neben diese allgemeinen Lebensorientierun­gen treten noch einige, die sich speziell auf den Beruf beziehen. Nach Hy­man?7) berücksichtigt die Unterschicht bei der Berufswahl häufiger ökono­mische Gesichtspunkte wie Sicherheit des Arbeitsplatzes und der Bezahlung, während in der Mittelschicht der Beruf mehr in bezug auf individuelle Ge­sichtspunkte und Neigungen ausgewählt wird.

Auch in der Erziehung unterscheiden sich die Angehörigen verschiedener Schichten. In der Mittel- und Oberschicht ist man toleranter in der Reinlich­keitsdressur, legt den Kindern weniger Restriktionen auf und erwartet ande­rerseits vor allem, daß die Kinder in der Schule gut vorankommen. Den Müttern der Unterschicht ist Ordentlichkeit und Sauberkeit, Pünktlichkeit und Gehorsam am wichtigsten?8). Auch die Stellung zu Geld und manueller