108
Otto Pniower.
sondern umgekehrt der Roßhändler von dem Orte den Namen erhalten habe. „Daß“, so lauten die Worte, „Kohlhaasenbröcke, der Ort, nach welchem der Roßhändler heiße, im Brandenburgischen liege“ (Kleists Werke hrsg. von Erich Schmidt Bd. 3 S. 220 Z. 30).
Ohne auf den Widerspruch näher einzugehn, in dem die beiden Äußerungen zu einander stehn, wollen wir zunächst die erste Angabe genauer betrachten. Aus ihr geht hervor, daß mit dem Dorf, auf dessen Name angespielt wird, ohne daß es selbst genannt wird, das heutige Kohlhaasenbrück bei Neubabelsberg gemeint ist. Hatte nan Kleist ein Recht zu behaupten, daß dieser Ort seinen Namen von dem Empörer erhalten habe?
In seiner vortrefflichen Ausgabe der Werke des Dichters bemerkt Erich Schmidt zu der Stelle: „Kohlhaasenbrück beim Oriebnitzsee zwischen Berlin und Potsdam hat mit unserem Kohlhaas nichts zu tun.“
So einfach liegt die Sache jedoch nicht, und in dieser uneingeschränkten Form ist der Satz unrichtig.
Allerdings treffen die Angaben, die der Dichter gerade hier am Beginn der Erzählung weiterhin macht, für den geschichtlichen Kohlhaas nicht zu. Dieser hieß nicht Michael, sondern Johannes, Hans. Den Namen Michael schuf Kleist aus einem poetischen Bedürfnis. Mit ihm verbinden wir den Begriff des Biederen, Treuherzigen, Naiven, Gutmütigen, was am deutlichsten in dem Spottnamen für den Deutschen: Michel zum Ausdruck kommt. Dies aber brauchte Kleist als Kontrast, wenn er an derselben Stelle sagt: einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. War doch die eigentliche Aufgabe der Erzählung zu zeigen, wie den schlichten und bescheidenen Mann das Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder machte.
Weiter ist es geschichtlich unzutreffend, wenn Kohlhaas von Kleist als Roßhändler bezeichnet wird. „Kohlhase ist ein Handelsmann gewesen und sonderlich hat er mit Viehe gehandelt.“ So beginnt der Berliner Chronist Peter Hafftiz, auf den alle Nachrichten über die Kohlhase-Affäre zurückgehn, seinen Bericht über sie. Da Hafftiz um 1525 geboren wurde, die Kohlhaasische Angelegenheit aber am 1. Oktober 1532 ihren Anfang nahm, stand er ihm zeitlich nahe genug, daß wir ihm mindestens hierin Glauben schenken müssen.
Endlich trifft es für den geschichtlichen Kohlhaas nicht zu, daß er an den Ufern der Havel lebte. Hans Kohlhase war ein ansehnlicher Bürger zu Cölln d. h. Berlin-Cölln nnd besaß das Haus Fischerstraße 27.
In diesen Angaben setzt sich also Kleist mit der größten Freiheit über die Wirklichkeit hinweg. Das verpflichtet uns, auch den Satz, daß das Dorf von ihm den Namen führt, auf seine Richtigkeit zu prüfen.