Heft 
(1917) 25
Seite
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Kohlhaasenbrück und Heinrich v. Kleist.

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Da ergibt sich zunächst, daß der Dichter sich gerade hier von dem Hafftizschen Bericht abhängig erweist. Ja, die Worte: in einem Dorfe, das von ihm den Namen führt, sind hier geradezu vorgebildet. Da wo die Wendung im Schicksal Kohlhases, die Peripetie, eintritt, erzählt nämlich Hafftiz:Weil aber endlich auch nichts draus worden, daß sichs verweilet, und die Verfolgung der Sachsen nichts desto weniger für und für gewähret, hat ihm Georg Nagelschmidt sein Gesell gerathen, er solle den Churfürsten zu Branden­burg angreiffen, so würde er sich sein wohl annehmen, daß die Sache mit den Sachsen vertragen würde. Diesem folgete Kohlhase, aber sehr unbedacht, und unglücklich. Beraubte darauff den Conrad Dratziger des Churfürsten zu Brandenburg Factor, der ihm die Silber einkauffte, im Mansfeldischen und Stoibergischen Bergwerk, nahm eine Anzahl Silber-Kuchen, welche er eine halbe Meile dißeit Potzdam unter einer Brücken, die noch heutiges Tages Kohlhasen- Brücke heißt, in das Wasser versenket, nicht der Meinung solches zu behalten, sondern den Churfürsten dadurch zu verursachen, sich seiner anzunehmen. Aber dieser Anschlag geriet gar übel.

Ist es nun richtig, daß die Brücke erst seit dieser Zeit den Namen Kohlhasen-Brücke führt?

Diese Frage, die den Kern des Problems trifft, ist sehr schwer zu beantworten. Denn gerade an dieser Stelle, bei der Peripetie, brechen die über die Kohlhase-Affäre noch heute vorhandenen Akten, aus denen C. A. H. Burkhardt vor zweiundfünfzig Jahren das Bild des geschichtlichen Kohlhase herstellte, ab (vgl. seine SchriftDer historische Kohlhase, Leipzig, 1864, S. 56). Durchaus möglich ist, daß bei der Benennung eine sagenhafte Übertragung im Spiele ist. Als Hafftiz sein Mikrochronicon oder Mikrochronologikon zusammen­stellte, was etwa 1595 geschah, kann sehr wohl mit dem schon vor­handenen Namen Kohlhasenbrücke der des Aufrührers in Zusammen­hang gebracht worden sein, ohne daß sie miteinander zu tun hatten. Denn Kohlhase wurde 1540 hingerichtet. Burkhardt freilich ist der Ansicht, daß der Name Kohlhasenbrück von jener Zeit datiert.Er war aber, fährt er fort, auf die Brücke selbst beschränkt. Erst später ging er auch auf die Ansiedelungen neueren Ursprungs über.

Wie verhält sich dazu die Überlieferung über die Ortschaft?

Aus dem Mittelalter bis in die neuere Zeit hiuein verlautet nichts über das Vorhandensein eines Dorfes oder Fleckens dieses Namens. Keine mittelalterliche Urkunde nennt ihn, kein Aktenstück. Auch das Landbuch Kaiser Karls IV aus dem Jahr 1373 und das von Fidicin herausgegebene Schoßregister von 1450 und 1480 nicht. Ebenso­wenig kennt der im Werk von Wilhelm Spatz: Der Kreis Teltow (Berlin 1912) so oft herangezogene Bericht des Landreiters von 1652