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Was die Gräber unserer Heimat erzählen.
Von Walter Matthes.
In großer Zahl sind die Gräber des Altertums im heimischen Boden aufgedeckt und immer neue kommen noch zu Tage. Fast jeder Monat bringt eine Entdeckung, der Boden scheint unerschöpflich zu sein. Erst in allerletzter Zeit wurden ja Urnengräber der Bronzezeit auf dem Leipziger Berge bei Heiligengrabe für das Heimatmuseum ausgegraben. Das Nähere ist darüber im nachfolgenden Aufsatz nachzulesen.
Gerade aus der Bronzezeit (2. Jahrtausend v.Chr.) weist die Prignitz sehr viele Gräber auf. Damals muß die Besiedelung schon ziemlich dicht gewesen sein. Die Gräber dieser Zeit sind teils Flach-, teils Hügelgräber. Die ersteren, zu denen auch die neu entdeckten vom Leipziger Berge gehören, sind in den Boden eingelassen und an der Erdoberfläche heute nicht kenntlich. Nur zufällig werden sie bei Erdarbeiten entdeckt. Dagegen die Hügelgräber fallen sofort auf. Sie bestehen aus einem Stein- oder Erdhügel, der durch seine regelmäßige Form sich von natürlichen Gebilden unterscheidet. Bald findet man sie im schattigen Walde, bald auf freiem Felde. Grüner Rasen oder Moos deckt sie zu/und alte Bäume halten die Totenwacht. So liegen sie da, einsam und verlassen, und geben uns Rätsel über Rätsel aus. Wer ist hier zur Ruhe gelegt und wofür hat sein Herz geschlagen? Wann lebte er und welchem Volke gehörte er an? Die Hügel schweigen nnd scheinen die Antwort zu versagen.
Die Phantasie des Volkes hat sich von jeher mit diesen rätselhaften Denkmälern beschäftigt. Die Ueberlieferung, die von Mund zu Mund und von Geschlecht zu Geschlecht ging, bewahrte noch eine dunkle, verworrene Kunde. So erzählte man von einem Grabe im Gutspark von Maulbeerwalde, daß ein Häuptling hier einst zur Ruhe gebettet sei; und in einem Hügel auf Kemnitzer Feldmark, der heute nicht mehr steht, sollte nach der Sage des Volkes ein Hünenkönig in einem goldenen Sarge begraben liegen.') Vor etwa 70 Jahren wurde der Hügel abgetragen, und dabei stieß man auf eine Steinkiste, darin fand sich ein altes, morsches Tongefäß, und dieses enthielt eine Bronzeurne von getriebener Arbeit. Tatsächlich handelte es sich hier um ein Grab, wie die Sage vor Oeffnung des Hügels zn berichten wußte. Auch dies Grab ist in der Bronzezeit angelegt, wie an den Beigaben zu erkennen war. Ein Bronzeschwert und einen Bronzering, beide noch mit Gold verziert, hatte man dem Toten mitgegeben. Leider sind diese kostbaren Funde, die ein allgemeines Interesse verdienen, seinerzeit in Privathände gekommen und ihr Verbleib ist nicht bekannt.
Urnen mit iKnochenresten und Bronzebeigaben finden sich zumeist in diesen alten Hügelgräbern. In der Bronzezeit herrschte die Brandbestattung vor. Auf einer Ustrine, die aus einer Steinpackung bestand, verbrannte man den Verstorbenen. Mehrfach sind solche Verbrennnngsstellen bei den Gräbern aufgedeckt.
Eine direkte Beschreibung davon, wie solch ein Begräbnis vor 3000 Jahren in der Bronzezeit bei uns vor sich ging, haben wir nicht. Doch vom Ende des Altertums, aus der Zeit, als das Christentum in Nordeuropa schon eingeführt wurde, ist uns ein germanisches Heldenlied überliefert, in dem die Begräbnisfitte der alten heidnischen Zeit anschaulich geschildert wird. Es ist das Beowulf»Lied. Hier wird erzählt, wie nach dem Tode des alten Jüten-Königs der Befehl an alle Hofbesitzer ergeht, Holz an einen bestimmten Ort zu schaffen, und wie der Leichnam dorthin überführt wird. Und dann fährt das Lied fort2) (Vers 31l6ff.):
0 Val. Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte nnd Altertumskunde. Bd 19 (1854), S. 306. — Götze, Die vor- und frühgeschichtlichen Denkmäler des Kreises Ostprignitz, S. 52. ^
0 Beowulf, übersetzt von H. Gering. S. 65 ff.