Heft 
(1924) 3
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liche Archäologie (oder Prähistorie) beschäftigt sich mit ihnen. Sie untersucht die Formen der Geräte und ihre Verzierungen, sie stellt die Entwicklung der einzelnen Typen fest und bestimmt das Alter und die Verbreitung. Und durch diese Forschung wird Licht in die fernen Zeiten gebracht?)

Auf der Tafel sind einige Bronzewaffen und -geräte abgebildetsi, wie sie in unseren Gräbern gefunden werden. Sie stammen aus der jüngeren Bronze­zeit, die etwa 3000 Jahre zurückliegt.

In einem Flachgrabe bei Blumenthal fand sich unter einer Steinpackung zusammen mit dem Halsringe (Fig. 1) und andern Bronzesachen ein Armring aus Bronze, der unter Fig. 6 abgebildet ist. Er ist offen und trägt an den Enden schälchenförmige Gebilde. Es ist ein sogenannter Eidring. Diese Stücke kommen ziemlich häufig vor, oft sind sie aus Gold gebildet. Bemerkenswert ist ihr Verbreitungsgebiet. Wenn man nämlich alle Orte, bei denen solche Eid­ringe gefunden sind, auf einer Karte von Europa verzeichnet, so erkennt man, daß sie nur in Nordeuropa austreten?) In dem heutigen Südschweden, in Dänemark, Schleswig-Holstein, in Mecklenburg, Pommern und Brandenburg sind sie im wesentlichen zu Tage gekommen, also in den Landschaften um das westliche Ostseebecken. Dieses Gebiet bildete in der jüngeren Bronzezeit einen einheitlichen Knlturkreis, der sich auch sonst durch ganz bestimmte Formen der Geräte und Waffen auszeichnet. Es ist das nordische Kulturgebiet. Ein charakteristisches Gerät für diese nordeuropäische Formengruppe ist das Rasier­messer, Fig. 6, das in einem Grabe von Mertensdorf gefunden ist. Messer mit dem zierlich gebogenen Griff und dem spiralig aufgerollten Ende finden sich in denselben nordeuropäischen Ländern wie die Eidringe.

Von nordischer Art ist auch die Lanzenspitze von Pritzwalk (Fig. 2) mit der reichen Strichverzierung auf der Tülle, und ganz bezeichnend für die Orna­mentik der nordischen Bronzezeitsachen ist die Verzierung auf der Bronzepinzette von Steffenshagen (Fig. 4). Solche gebogenen Linien, die in gefälligem Schwung mn 3 Buckelchen geführt werden, sind typisch. Der nordische Mensch der jüngeren Bronzezeit hatte seinen bestimmten Kunststil, der sich von dem der andern Völker seiner Zeit genau so deutlich scheiden läßt wie in späterer Zeit, der Stil des deutschen Barock von dem des italienischen Barock. Er bevorzugt als Verzierung die bewegte, geschwungene Linie.

Dies waren nur einige Beispiele von Formen und Zierarten, die für den nordischen Knlturkreis typisch sind, ihre Zahl ließe sich mit Leichtigkeit vermehren, lind wenden wir unsere Blicke nach dem Süden, etwa nach Süddeutschland, so sehen wir dort andere Typen und Ornamente, dort ist ein anderer Kulturkreis, dort lebte ein anderes Volk.

Und was war das für ein Volk, dessen Wohnsitze sich an der Verbreitung des nordischen Kulturkreises erkennen lassen, und dem auch die Toten unserer Prignitzer Gräber angehörten? Eine schriftliche Kunde haben wir von ihm nicht. Die ersten geschriebenen Nachrichten über die Bewohner Norddeutschlands sind etwa 1000 Jahre jünger als unsere Bronzezeitgräber. Sie stammen aus der Zeit um Christi Geburt und nennen uns germanische Stämme, deren Grabstätten auch bei uns in der Prignitz aufgedeckt sind (Urnenfelder der Eisenzeit).

Da ist es nun von größter Bedeutung, daß sich ein Zusammenhang von den eisenzeitlichen, germanischen Urnengräbern und den Gräbern der Bronzezeit

y Vgl. G. Kossinna: Die Herkunft der Germanen. Mannusbibliothek Nr. 6. 2 Aufl. 1920.

-) Sie befinden sich im Märkischen Museum zu Berlin und werden mit freundlicher Er­laubnis der Direktion hier abgebildet, Es sind:

Figur 1: Wendelring aus Bronze, Ve natürliche Größe, gefunden in einen. Grabe bei Blumenthal. Nr. Il 23 268.

Figur 2: Lanzenspitze aus Bronze, gefunden bei Pritzwalk, natürliche Größe, Nr.Ik 16 234.

Figur 3: Griff eines Bronzeschwertes, 0-, bei Kuhbier gefunden, Nr. II 7060.

Figur 4: Bronzepinzette, Vi, aus einem Hügelgrab bei Steffenshagen, Nr. !l 8322.

Figur 5: Eidriug aus Bronze, V,, bei Blumenthal zusammen mit Figur 1 gefunden Nr. II 23 670.

Figur 6: Bronzerasiermesser von Mertensdorf, ^/«, Nr. II 8320.

y Prof. Kossinna (Berlin) hat eine Karte von der Verbreitrng der goldenen Eidringe gezeichnet. '