Heft 
(1925) 2/3
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Weiher und Wasserspiegel auf niedrigen Stellen zwischen dem Ackerboden, aber das Land war in den Ebenen reich bevölkert. Die Zahl der Dörfer und Einzelhöfe wahrscheinlich nicht viel geringer als jetzt, die meisten nicht so menschenreich.

Im gerodeten Wald waren neue Hufe ansgemessen und mit Ansiedlern besetzt, in der eigenen Dorfflur war altes Weideland in Ackerboden verwandelt, zwischen Saat und Holz stand am Waldessaum oder an einem Bergvorsprung die Kapelle eines Heiligen, in den Dörfern ragten die hölzernen Glockentürme hoch über die Häuser und Ställe, und am Sonntagmorgen läuteten die Glocken über das ganze Land, aus einer Flur über die andere, und zu dem hohen Klang der kleinen Dorfglocken gab in der Ferne das mächtige Summen einer großen Glocke den Grundton.

Denn in der Flußniederung ragten Kuppeln und Türme eines Domes in­mitten vieler Häuser, die mit starker Mauer umgeben waren. Eine Stadt war gebaut, wo einst der Reiher über das Wiesenland geflogen, oder der Hirsch ans dem Wildpfad zur Tränke gelaufen war. Und wieder auf der anderen Seite stand gegen das Dorf ans steilem Berggipfel ein gemauerter Turm und ein hohes Haus mit kleinen Fenstern, Eigentum des Grafen und Wohnsitz eines reisigen Dienstmannes, der mit seinen Genossen dort oben wirtschaftete, nicht gerade zur Freude der Bauern. Umschanzte Häuser und befestigte Häuser der Reisigen erhoben sich jetzt überall auf deutschem Boden, nicht nur an Rhein und Donau, in Schwaben, Franken und Bayern, auch im alten Sachsenland und in den Ostmarken gegen Slaven und Ungarn.

Und die Städte waren in den letzten Jahrhunderten wie über Nacht er­standen daß man bei vielen nicht zu sagen wußte, wann sie begonnen hatten; der größte Kulturfortschrit vollzog sich leise, im Zwang der Stunde, und die Zeitgenossen, welche daran arbeiteten, wußten wenig, wie unermeßlich der Segen war, welchen sie dadurch ihren Enkeln bereiteten.

Seitdem im 9. Jahrhundert die Normannen von der See, die Ungarn im Süden räuberisch das offene Land durchzogen, vergaßen die Deutschen in der Not der Stunde überall die alte Abneigung gegen ummauerte Wohnsitze. Herrenhöfe und Häuser von Dienstmannen wurden befestigt, in vielen erwuchs das städtische Leben. Was von neuen Städten um 1100 zwischen Rhein und Elbe, zwischen Nordsee und Donau lag, war freilich einer modernen Hauptstadt sehr unähnlich. Noch schloß der umfriedete Raum Ackerbeete und Gärten ein, die Mehrzahl der Einwohner waren Landbauer, welche ihre Gespanne aus der Stadt auf die Anßenäcker führten, das Ganze zunächst eine große Dorfanlage um Kirche, Bischofshaus oder Palast. Wie auf dem Dorfe, galt dort das Hofrecht des Bischofs oder Königs, denn die Bürger waren Dienstpflichtige und Unfreie, unfrei vor andern fast alle Handwerker. Dazwischen saßen aber auch Freie, einzeln oder in größerer Zahl, Kaufleute, Landbesitzer der Gegend oder fromme Anhänger der Kirche, außerdem reisige Dienstmannen ihres Herrn. Aber Freie und Unfreie waren vor fremder Gewalttat gesichert, sie standen im Schutz eines mächtigen Herrn, der mild über ihnen waltete nnd. unter den eng Zusammen­lebenden bessere Ordnung zu halten vermochte. Und sie halten Gelegenheit zu Verdienst, wie ihn das offene Land nicht bot. Der Segen der Arbeit und ihre lebenschaffende Kraft wurden dem Volke deutlich.

Wer um 1100 von Köln nach Hamburg, von Augsburg nach Nürnberg reiste, der kümmerte sich gar nicht darum, daß die eine Stadt um ein Jahr­tausend älter war als die andere, daß in Köln die Gemahlin des Germanicus am Tor harrte und die Legionen begrüßte, den Knaben Caligula an der Hand, und daß in Augsburg ein Sohn des Augustus, von Victoren umgeben, auf dem Marktplatz saß, während über dem Grunde von Hamburg und Nürnberg das Baumlaub rauschte und die Eichel hinabfiel, welche als alter Urbaum bei der Städtegründung gefällt werden sollte. Aber man merkte damals doch einen Unterschied in Aussehen, Kraft und Wohlstand zwischen den alten Röinerstädteu auf deutschem Boden und den neu gewordenen. Utrecht, Mainz, Köln, Trier, Regensburg, Worms, Speier und Augsburg waren die altberühmteu Städte des