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Die Vice Domina beschwert sich beim König und dieser gibt zu, daß es förmlicher gewesen sei, wenn die Neubeanftragte befohlcnermaßen in Gegenwart des Konvents vorgestellt worden wäre, wie auch wenn der Stuhl in Gegenwart des Konvents heranfgesetzt wäre, es wären dies aber doch nur „Formalitäten, auf die es nicht ankombd." Das ist ganz der schlichte Soldatenkönig, der nur die Sache sieht und will. Sein einfacher Sinn ahnt nicht, daß hier der Konvent über seinen Schützling wieder einmal einen Sieg erfochten hat. Er will auch nicht mit kleinen und kleinsten Dingen belästigt werden und gibt dies, gestört von den vielen Widerwärtigkeiten im Kloster, an das er nun schon so lange wohlgemeinte Mühe wendet, mitunter mit einem leise grollenden Unterton zu merken. Die Vice-Domina ihrerseits weiß, daß mit dem getaenen Schritt noch nichts erreicht ist. Mit schadenfrohein Lächeln betrachten die älteren Damen alle den vom Kornschreiber heraufgestellten Stuhl. Er bleibt leer. Die Vice - Domina verschmäht es, ihn einznnehmen, und nimmt an dem Gottesdienst außerhalb des Gestühls teil. Und sie wendet sich am 12. Januar 1722 noch einmal an den König.
„Formsache — vielleicht", schreibt sie dem Sinn nach. „Aber höchst notwendige Formsache. Wie die Menschen hier sind, so achten sie die Beförderung durch den Kornschreiber für nichts. Aber bedenke, o König, wozu werde ich denn zur Vice- Domina eingesetzt? Soll ich nicht Ordnung schaffen, die Rechnungen prüfen, angemaßter Gewalt entgegentreten? Kann ich das, wenn ich nur so nebenher dazu befördert wurde?"
„Ja, freilich, die Rechnungen!", denkt der König. „Sie hat den klaren Kopf und den freien Blick. Man muß sie unterstützen." Und schon am 13. Januar erfolgt die Verordnung an die Vorsteher, zwar nicht mit der Androhung von 1000 Taler Strafe, wie die erbitterte Vice Domina verlangte, aber doch mit Hinweis auf Ungnade und nachdrückliche Ahndung, daß die Fräulein von Pntlitz „mit allen solemnitäten" einzuführen sei, und ihr, bei Vorbehalt der vollen Autorität der alten Domina doch Einsicht in alle Rechnungen und Einnahmen des Klosters zu geben sei." Wieder ist mit Anspannung aller Kräfte ein Sieg errungen, aber es sind doch immer nur Teilsiege in einem ganz vom Feind besetzten Land.
Dennoch, nun ist erreicht, wonach Juliane von Pntlitz seit so langem gestrebt hat. Sie steht neben der Domina es ist nicht mehr möglich, wie im Jahre 14 Mißstände zu verschleiern, über aufgedeckte Mißstände wieder Gras wachsen zu lassen, es ist nicht mehr möglich, in dem alten Schlendrian zu bleiben,