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ist ein solches Stück ländlicher Hafnerware einmaliges Widerspiel eines bestimmten Menschen von bestimmtem Stande, es ist echt, wie die Urne, die wir der Erde entnehmen.
Wert ist uns wie bei aller Volkskunst die Fülle des Ungewollten: die Fingerspur im Ton, der bunte Grenzkampf der Farben, die eigensinnige Gestalt, die trotz sorglicher Verteilung das Ornament annimmt, wert aber nicht weniger die jedes Ungefähr überstrahlende Vollkommenheit etwa einer gelungenen Glasur, die den einfachbraunen Blumenthaler Paartopf neben seinem nüchternen ostmitteldeutschen Kameraden zu einem schwerelosen, festlichen Gefäß werden läßt.
Das Leben der Blumenthaler Töpfer ist kein beschauliches. Jeder der 12 Meister mag im Jahr etwa 6 Brände bereiten, jeder Brand unter vielem anderen gegen 20 Schock Milchsatten enthalten: allein für dieses Gerät sind wir aufs Jahr dem Hunderttausend nicht fern. Unsere Töpfer leben unter Bauern und arbeiten schwer wie die Bäuerin Auch für die Zukunft kann ihre Art nicht abgetan sein.
Die landläufigste Hafnerware des 19. Jahrhunderts ist in unseren! Vaterland die hessische, auch zu uns in Planwagen gelangt und Konkurrent des Pcignitzer Geschirrs in dessen eigener Heimat. Sie steht — in unserem Museum — höher und Heller neben unserem breiten und dunklen Eigentum. Landläufig? Ist das nicht im Grunde hier doch landfremd? In der Tat: wie wir in Marburg gleicher Zeit noch andere wenig glückliche Bestrebungen keramischer Art habenZ, so besitzen auch unsere Mar- burger Kannen bereits den Zug ins Weniggeprüfte, Unpersönliche, Industrielle. Genannt sei ihre ungünstige Schwerpunktlage, ihre Mißachtung des keramischen Gebots, daß mehr noch als Steingut und Steinzeug gerade bei der Hafnerware die Flächen in Weichen Uebergängen Zusammenhängen sollen H, in. a. W. ihre unerwünschte horizontale Gliederung, nicht zuletzt das Fehlen schlechthin dienender Formen.
Der Prignitzer Landmann hat seiner Art gemäß den zuwandernden Töpfer und seine Erzeugnisse gehörig geprüft. In Hessen vielleicht verhärtete Ueberlieferungen des Handwerks, in Blumenthal auf Grund einer frischen Symbiose von Töpfer und Bauer eine lebensvolle Art der Erzeugung, zumal auch bei den Geräten, bei denen der Blumenthaler Töpfer sich seiner Eigenart begibt: bei Butterfaß, Hirtenbutternaps, Kaffeebecher, Eßnaps
y Erich-Beitl, a. a. O. S. 688: „Da-, ... rheinische Steinzeug ... siillte im 19. Jahrhundert in wenig glücklicher Nachahmung (bes. Mar- burger Industrie) die altdeutschen Herrenzimmer".
5) O- Pelka, Deutsche Keramik der Gegenwart, 1925, S. 42. Dagegen freilich Erich, a. a. O. S. 436.