Heft 
(1937 - 1938) 1
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Ende des 19. Jahrhunderts läßt die Blumenthaler Kaffee­kanne ihre Farben die Rolle wechseln: nicht die heimische braune Lehmmilch, sondern erhandelte schwarze Erdfarbe bildet den Grund. Die jetzt braunen Schmuckflächen besitzen noch die alte Form des Angusses, sind aber so peinlich gereiht, daß der naive An- guß kaum mehr ihr Ursprung ist, eher die vorsichtige Aussparung der Farbe. (Abb. 6.) Jetzt bildet nicht mehr die freie Hand das Pflanzen­motiv, sondern das Rosenblatt, das Kirschenblatt aus dem Garten tut es selbst, auf grünen Grund geklebt und dieser dann etwa weiß begossen. «

So entsteht auf schwarzem Grund H einer konstruierten Obstschale der braune Achtstern Papier, Lineal und Schere sind seine Herkunft, in- - "

inmitten eines Wandtellers mitge- Abb. 6. Blumenthaler Kaffeekanne, geflochtenem" Rand ein unselbstän­dig erfundener Kopf als aufgelegtes Relief"'), entsteht schau­riges Gefäß für Bier und Taback.

Dieser Ehrgeiz versucht, eine neue Käuferschicht zu erschließen, er ist Kind der Not, denn billige Fabrikware, Steingut und Emaille, dringt ins Land. Im aufgeklärten Blumenthal seit 1888 Eisenbahnstation^) beginnt es mit zuerst: als noch Waggons voll Blumenthaler Hafnerware ins Hannoversche, nach Mecklenburg rollen, wollen selbst schon die Hunde der Töpfer nicht die zerbrechlichen Schüsseln benutzen.

Wenn die Bauern Schinken schneiden,

Müsset ihr brav Hunger leiden!"

Mancher Töpfer läßt dem Brand lieber Unheil widerfahren, als daß er ihn die genügenden Tage im Ofen sich abkühlen läßt, nur damit der Zahltag näher rückt. Milchsatten gelangen auf den eigenen Hausboden, um dort Regen aufzufangen, denn die Dachinstandhaltung ist eine ferne Sorge geworden. Oft sehen die Töpferfrauen das Ende zuerst und dringen bereits, Land zu Pachten, als die erste Scheibe zum Stillstand kommt. Und nicht jeder ringt sich durch zu neuem Segen der Erde.

O großer Gott, du wunderbarer Schöpfer,

Ich bin der Ton und du der Töpfer!"

Erich, a. a. O- S . 442: Reliefauflage erstmalig bei Siegburger Steinzeug des 14. Jahrhunderts.

") lieber Vorteil und Nachteil dieser Verkehrserleichterung für das Handwerk vgl. E. Otto, Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschicht­lichen Entwicklung, 6. Auflage, 1920, S- 96 f.