DEUTSCHES HOCHSCHULSYSTEM IST ÜBERREGULIERT
Interview mit dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Klaus Landfried
Am Rande der Konferenz des Australienzentrums sprach Dr. Barbara Eckardt für PUTZ mit dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Klaus Landfried, über einige seiner Positionen zur gegenwärtigen Lage der Hochschulen.
PUTZ:„Hochschulen zwischen Finanz- und Reformbedarf“, so lautete das Thema Ihres Referates auf dieser Tagung. Neue Wege in der Hochschulfinanzierung zu finden, ist Ja durchaus kein deutsches Spezifikum. Wie fällt Ihr Vergleich des australischen mit dem deutschen Hochschulsystem aus? Landfried: Ich glaube, daß solche Vergleiche, die nicht die handelnden Personen und die entsprechenden Rahmenbedingungen ins Auge nehmen, immer problematisch sind. Ich denke aber, daß ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Systemen darin besteht, daß das deutsche in starkem Maße überreguliert ist. Das betrifft sowohl die Vorschriften im Bereich des Haushaltsrechtes, des Dienstrechtes und des Personalvertretungsrechtes, als auch die innere Struktur der Hochschulen. Pragmatismus und einfache Lösungen stoßen bei uns häufig auf die Argumente derer, die man als Bedenkenträger bezeichnen könnte. Es fällt im übrigen auf, daß es vor allem Männer sind, die diese Strukturen zentral für die abendländische Kultur halten. Das ist jedenfalls meine persönliche Erfahrung. Wissenschaftlerinnen und Frauen in den unterstützenden Diensten zeigen viel eher die Bereitschaft zu pragmatischen Lösungen. In diesem Zusammenhang sind die Themen Jahresarbeitszeitkonten und Lebensarbeitszeitkonten zu nennen, etwas, was uns in den Hochschulen, aber auch Familien kolossal helfen würde, Neues umzusetzen.
PUTZ: Was halten Sie vom australischen Modell der Beteiligung der Akademiker an den Ausbildungskosten nach der Beendigung des Studiums?
Landfried: Prinzipiell ist Hochschulausbildung immer eine Mischung aus privaten und öffentlichen Gütern. Deshalb ist ein Kostenbeitrag derer, die diese Güter in Anspruch nehmen, eigentlich etwas Selbstverständliches. Es muß dabei nur darauf geachtet werden, daß diese Beteiligung nicht zu einer sozialen Diskriminierung führt und daß die abschreckende Wirkung eines solchen Modells nicht zu groß wird. Die bisherige Handhabung, um genauer zu sein, die frühere Handhabung des australischen Modells, also einer Abgabe der Akademiker, nach meiner Vorstellung vor allem an die Hochschulen, aus denen sie oder er hervorgegangen sind, war sicherlich sowohl zielführend als auch sozial vertretbar. Die in der letzten
Zeit vorgenommenen Korrekturen finde ich fatal, und sie machen das Modell nicht mehr vorbildlich. Das betrifft insbesondere die Erschwernis für die Darlehen und die Reduzierung der staatlichen Zuschüsse an die Hochschulen, so daß die zusätzlichen nachträglichen KGebühren-Einnahmen der Hochschulen ihnen nicht mehr zugute kommen.
PUTZ: Ist dieses Modell modifiziert auf Deutschland übertragbar? Landfried: Ich bin fest davon überzeugt, daß wir in Deutschland für eine solChe Regelung längerfristig auch über die Parteiengrenzen hinweg einen Konsens finden können. Das, obwohl gegenwärtig der Diskussionsstand noch nicht soweit ist. Eine Voraussetzung hierfür aber ist eine gute und ausreichende Studienfinanzierung,
Landfried,
Spricht sich für eine großzügige Regelung der Studienfinanzierung aus: der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Klaus
BAföG, in Deutschland von der wir im Augenblick allerdings noch weit ent fernt sind.
PUTZ: Trotz stagnierender und schrumpfender Finanzmittel ergeht der Ruf nach leistungsfähigeren Hochschulen auch in Deutschland. Um das zu erreichen, sollen ihnen mehr Autonomie und Ei genverantwortung Zzugestanden werden. Wird damit den Hochschulen der „Schwarze Peter“ zuge schoben?
Landfried: Wenn Sie ‚Verantwortung übernehmen als„Schwarzen Peter Zuschieben“ bezeichnen, dann ja. Wer nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, verabschiedet sich aus einer ernstzunehmenden, von Wissenschaftler/innen verantworteten Hochschulpolitik.
PUTZ: Vielen Dank für dieses Gespräch.
Foto: Fritze
FLEXIBILISIERUNG UND GLOBALISIERUNG DES HAUSHALTS- WAS IST DAS, UND WAS BEDEUTET
IHRE EINFÜHRUNG FÜR UNSERE UNIVERSITÄT?
1. Haben Sie gemerkt, daß im Haushaltsjahr 1997 der Haushalt der Universität Potsdam erstmals flexibilisiert war? Wenn nicht, so sei Ihnen gesagt, daß den Fakultäten ohne Flexibilisierung des Haushalts lediglich acht Mio. DM an Mitteln für Forschung und Lehre zur Verfügung gestanden hätten. Wegen der Flexibilisierung konnten in der Wirklichkeit den Fakultäten 14 Millionen DM zugeteilt werden. Ein Mehr von 75%. Darüber hinaus konnte eine Rücklage in Höhe von 1,2 Mio. DM gebildet werden, die der Universität im Haushaltsjahr'98 zusätzlich zur Deckung von Abfindungen und Vorruhestandskosten zum Abbau des Pesonalüberhangs zur Verfügung steht. Wenn ich den Klagen der Professoren so nachhöre, möchte ich wissen, was wohl ohne diese Verstärkungsmöglichkeit an Jammern und Zagen zu hören gewesen wäre. So konnte es— Gott sei Dank—, und so möge es bleiben, nach dem Professorenmotto gehen: „Klage, ohne zu leiden“!
Wie kommt dieses Ergebnis zustande? Erstmals durften nicht in Anspruch genommene Personalmittel aus besetzbaren Stellen zu den Sach- und Investitionsmitteln um
gesetzt werden. Bis auf den Tag heruntergerechnet, wurden so die Mittel von der Stellenwirtschaft geschöpft, die durch den „Leerstand“ einer Stelle, aus welchen Gründen auch immer, sonst an das Ministerium für Finanzen(MdF) zurückgeflossen wären.
Der wesentliche Vorteil der Flexibilisierung
ist, daß das Budget im ganzen mit nur weni
gen Ausnahmen als Gesamtheit zur Verfü-| gung steht und nicht mehr begrenzend in| Deckungssegmente eingeteilt ist. Darüber|
hinaus können Haushaltsreste übertragen werden, wenn auch belastet mit einer sogenannten Flexibilisierungsdividende des
MdE, die sich in einem Abzug von 20% dar-| stellt. Bereits das erste Jahr der Flexibilisie-| rung hat Verhaltensänderungen bewirkt, die| eine deutlich effektivere Bewirtschaftung| des Haushalts signalisieren. In der Weiter-| entwicklung der Flexibilisierung erhoffen wi!|
uns als Universitätsleitung eine weitreichen
de dezentrale Bewirtschaftungs- und Steue-| rungsbefugnis der Fakultäten, die gemein:| sam mit der Einführung von leistungsbezo-| genen Verteilungskriterien und einer Kosten:| Leistungs-Rechnung Schwerpunktbildung| und Profilierung anstatt Verteilung nach dem|
Gießkannenprinzip fördert.
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