ZEIT ZU TRÄUMEN
Ringvorlesung des Mittelalter-Forums-Potsdam
Zweifelsohne ein Zufall: Während im diesjährigen Wintersemester Haushaltssperre, Sozialabbau und der Autonomieverlust der Hochschulen vehement ins Zentrum der Diskussionen rückten und schließlich nicht nur der Traum von einer besseren Hochschule zum Streik führte, lud das Mittelalter-Forum-Potsdam unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz-Dieter Heimann und Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski zu einer interdisziplinären Ringvorlesung ein, die unter dem Motto„Träume und Visionen in Literatur und Geschichte zwischen Antike und Barock“ stand.
Sicherlich— könnte man meinen— nicht gerade die beste Zeit, um noch ans Träumen zu denken, hierzulande. So weit entfernt dieses Thema von der aktuellen politischen Misere schien, konnte es dennoch zu einem Lehrstück werden. Die insgesamt elf Vorträge von Mitgliedern der Universität Potsdam, der FU Berlin und der Humboldt-Universität zu Berin sowie auswärtigen Castvortragenden stellen ein äußerst abwechslungsreiches Tableau von Traumdiskursen vor, die sich über politische Traktate, religiöse Traumerlebnisse und Jenseitsreisen, utopische Entwürfe und Träume in fiktionalen Texten erstreckten. Erst einmal auf die Traumpfade der Geschichte eingeladen, wurde zunehmend deutlich, daß das vermeintlich dunkle Mittelalter ein durchaus ‚langes Mittelalter“ ist, daß es in der Spätantike seinen Anfang nimmt und im Barock Noch lange nicht zu Ende ist, und daß gerade in den sehr unterschiedlichen Träumen und Visionen jeweils historisch bedingte Imaginationsräume und Legitimationen für politische Reflexionen, Appelle, aber auch Wünsche formuliert sind, die einen differenzierten Einblick in die Geschichte der Mentalitäten und des Individuums boten.
SO konnten beispielsweise Prof. Dr. Pedro Barcel6 und Prof. Dr. Jörg Rüpke in ihren Vorträgen den schwierigen ÜbergangsProzeß von der Antike zum Christentum Nachzeichnen. Am Beispiel der Visionen Konstantins verwies Barcel6 auf die auffälligen Analogien zwischen Apollo und ChriStus, Rüpke zeigte an der Figur des Hirten Hermes, wie sich Visionen im Übergang der Antike zum Christentum an DiszipliMerungsbestrebungen und Neudefinitionen abarbeiten.
Visionen und Grenzüberschreitungen in der Mystik Hildegards von Bingen und Mechthilds von Magdeburg wurden zum Gegenstand der Vorträge Prof. Dr. HeinzDieter Heimanns und Prof, Dr. Ingrid KaStens, die auf die Möglichkeiten der HerrScherkritik und Reformimpulse(Heimann), aber auch auf die für die Frauenmystik spe
zifische Sinnlichkeit der Visionen verwiesen, die in einem performativen Verhältnis zu Körperlichkeit/Geschlechterdifferenz stehen. Die diskursiv vermittelten Wahrnehmungen der Mystikerinnen im Zustand der Verschmelzung mit Gott und Christus wurden von Kasten vor allem unter der Perspektive der gender-studies untersucht.
Prof. Dr. Hildegard Tristram und Prof. Dr. Franticek Smahel(Prag) beschrieben Visionen aus dem irischen Mittelalter am Beispiel von Ruderfahrten, die zu Andersweltreisen wurden(Tristram), sowie politische Träume von Herrschenden im Hussitentum(Smahel).
Für das späte Mittelalter zeigten Prof. Dr. Werner Röcke(Die Zeichen göttlichen Zorns: Zeitenwende und apokalyptische Ängste in der Literatur des Spätmittelalters), Christine Pfau(Drei Arten, von Liebe zu träumen) und Prof. Dr. Stefan Kmatkowski(Der Deutsche Orden in Preußen in politischen Visionen und Prophezeiungen bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts) Diskursdifferenzierungen in literarischen und politischen Traumtexten auf. Für das Barock konnte Dr. Marion Kintzinger in ihrem Vortrag„Wirtshausgeschwätz oder Imaginationsraum für politische Köpfe?“ zeigen, daß der anonyme Verfasser des Traktats „Schwätzgesichter“ aus dem 17. Jahrhundert in der geschützten Form einer Traumerzählung die aktuellen politischen Themen, wie sie im„gemeinen Volk“ diskutiert wurden, den herrschenden Meinungen der Obrigkeit entgegen setzte.
Aber auch der vermeintlich so traumhaft harmlose„Mann im Mond“ war nicht immer nur eine Kinderphantasie.„Science fiction im Barock—- Mondreisen in der Literatur des 17. Jahrhunderts“: unter dieser Perspektive stellte Prof. Dr. Knut Kiesant den als Reisebericht getarnten Traum vom Flug zum Mond und zu den Sternen vor.„Der fliegende Wandersmann nach dem Mond“ erzählt von der antiutopischen Skepsis im Hinblick auf die kosmischen Antipoden. Ein wagemutiger Abenteurer widersetzt sich dem Prinzip der Unterordnung unter die gottgegebene Natur, experimentiert mit Flugapparaten, Lichttelegraphen und Nachrichtenübermittlungen, begibt sich in die Lüfte und landet erfolgreich auf dem Mond. Die ihm vertraute Ordnung steht diametral zu den Mond- und Sonnenstaaten, die als drastische Gegenwelten imaginiert werden. So wird dem„petit animal“ Mensch von den Mondbewohnern zunächst jegliche Vernunft abgesprochen, und als er später ihre Sprache gelernt hat, zwingen sie ihn in einem Ketzerprozeß zum Widerruf des Irrglaubens, der Mond sei der Mond und die Erde eine Erde. Neu an dieser traumhaften Erzählung ist die eindeutige Parteinahme für das Koper
Lancelot mit dem Heiligen Gral als Traumerscheinung. Miniatur von 1286. Abb zo.
nikanische Weltbild— theologische Dogmen werden durch das(fantastische) Experiment abgelöst. Im„fliegenden Wandersmann“ sind die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum fließend. Was in der Form des Traums als Fiktion einer anderen Ordnung erzählt werden darf, konnte als ernsthafte„Systemtheorie“ nur der Zensur zum Opfer fallen: Galileis„Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme“ von 1632 stand als ketzerische Schrift auf dem Index.
Als Ausdruck imaginärer Phantasmen sind Träume bzw. Traumberichte in der histonschen Rückschau Spiegel der Kulturgeschichte(n). Denn, das zeigten die thematisch äußerst breit gefächerten Vorträge, die Erinnerungs- und Interpretationsformen von Träumen unterliegen keinesfalls individuell konstruierten Deutungsmustern. In der eigentümlichen und bisweilen befremdlichen Form der Träume wurde wohl auch immer eine authentische Erfahrung oder aber das Privileg eines besonderen Wissens gesehen. Die Zurückweisung ans Private einerseits wie andererseits die Vermutung eines außerordentlichen Sinns wurden Gegenstand aller„Traumdiskurse“ und knüpften sich von Anfang an an die Frage, welche Rolle Träume für die Selbstinterpretation des Menschen spielen. Die Kodierung der Träume sowie ihre literanische und bildliche Darstellung als Ausdruck kultureller und sozialer Praktiken trägt eben auch zu einem Verständnis der Gewordenheit der eigenen Kultur bei. Die Ringvorlesung hat gezeigt, daß es sich noch immer lohnt, den Träumen nachzuspüren— und daß es Sich noch lange nicht ausgeträumt hat.'
Da der Traum immer auch eine ‚Wunscherfüllung“ ist, planen die Initiatoren der Ringvorlesung eine Veröffentlichung aller Vorträge in nächster Zeit- und natürlich das nächste Projekt. Christine Pfau
PUTZ 3/98
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