Heft 
(1.1.2019) 03
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ZEIT ZU TRÄUMEN

Ringvorlesung des Mittelalter-Forums-Potsdam

Zweifelsohne ein Zufall: Während im dies­jährigen Wintersemester Haushaltssperre, Sozialabbau und der Autonomieverlust der Hochschulen vehement ins Zentrum der Diskussionen rückten und schließlich nicht nur der Traum von einer besseren Hochschule zum Streik führte, lud das Mit­telalter-Forum-Potsdam unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz-Dieter Heimann und Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski zu einer interdisziplinären Ringvorlesung ein, die unter dem MottoTräume und Visionen in Literatur und Geschichte zwischen Antike und Barock stand.

Sicherlich könnte man meinen nicht ge­rade die beste Zeit, um noch ans Träumen zu denken, hierzulande. So weit entfernt dieses Thema von der aktuellen politischen Misere schien, konnte es dennoch zu einem Lehr­stück werden. Die insgesamt elf Vorträge von Mitgliedern der Universität Potsdam, der FU Berlin und der Humboldt-Universität zu Ber­in sowie auswärtigen Castvortragenden stell­en ein äußerst abwechslungsreiches Tableau von Traumdiskursen vor, die sich über politi­sche Traktate, religiöse Traumerlebnisse und Jenseitsreisen, utopische Entwürfe und Träu­me in fiktionalen Texten erstreckten. Erst ein­mal auf die Traumpfade der Geschichte ein­geladen, wurde zunehmend deutlich, daß das vermeintlich dunkle Mittelalter ein durchaus ‚langes Mittelalter ist, daß es in der Spät­antike seinen Anfang nimmt und im Barock Noch lange nicht zu Ende ist, und daß gera­de in den sehr unterschiedlichen Träumen und Visionen jeweils historisch bedingte Imaginationsräume und Legitimationen für politische Reflexionen, Appelle, aber auch Wünsche formuliert sind, die einen differen­zierten Einblick in die Geschichte der Men­talitäten und des Individuums boten.

SO konnten beispielsweise Prof. Dr. Pedro Barcel6 und Prof. Dr. Jörg Rüpke in ihren Vorträgen den schwierigen Übergangs­Prozeß von der Antike zum Christentum Nachzeichnen. Am Beispiel der Visionen Konstantins verwies Barcel6 auf die auffäl­ligen Analogien zwischen Apollo und Chri­Stus, Rüpke zeigte an der Figur des Hirten Hermes, wie sich Visionen im Übergang der Antike zum Christentum an Diszipli­Merungsbestrebungen und Neudefinitio­nen abarbeiten.

Visionen und Grenzüberschreitungen in der Mystik Hildegards von Bingen und Mechthilds von Magdeburg wurden zum Gegenstand der Vorträge Prof. Dr. Heinz­Dieter Heimanns und Prof, Dr. Ingrid Ka­Stens, die auf die Möglichkeiten der Herr­Scherkritik und Reformimpulse(Heimann), aber auch auf die für die Frauenmystik spe­

zifische Sinnlichkeit der Visionen verwie­sen, die in einem performativen Verhältnis zu Körperlichkeit/Geschlechterdifferenz stehen. Die diskursiv vermittelten Wahrneh­mungen der Mystikerinnen im Zustand der Verschmelzung mit Gott und Christus wur­den von Kasten vor allem unter der Perspek­tive der gender-studies untersucht.

Prof. Dr. Hildegard Tristram und Prof. Dr. Franticek Smahel(Prag) beschrieben Visio­nen aus dem irischen Mittelalter am Bei­spiel von Ruderfahrten, die zu Anders­weltreisen wurden(Tristram), sowie politi­sche Träume von Herrschenden im Hussitentum(Smahel).

Für das späte Mittelalter zeigten Prof. Dr. Werner Röcke(Die Zeichen göttlichen Zorns: Zeitenwende und apokalyptische Ängste in der Literatur des Spätmittelalters), Christine Pfau(Drei Arten, von Liebe zu träumen) und Prof. Dr. Stefan Kmatkowski(Der Deutsche Orden in Preußen in politischen Visionen und Prophezeiungen bis zur Mitte des 15. Jahrhun­derts) Diskursdifferenzierungen in literari­schen und politischen Traumtexten auf. Für das Barock konnte Dr. Marion Kintzinger in ih­rem VortragWirtshausgeschwätz oder Imaginationsraum für politische Köpfe? zei­gen, daß der anonyme Verfasser des Traktats Schwätzgesichter aus dem 17. Jahrhundert in der geschützten Form einer Traumer­zählung die aktuellen politischen Themen, wie sie imgemeinen Volk diskutiert wurden, den herrschenden Meinungen der Obrigkeit entgegen setzte.

Aber auch der vermeintlich so traumhaft harmloseMann im Mond war nicht immer nur eine Kinderphantasie.Science fiction im Barock- Mondreisen in der Literatur des 17. Jahrhunderts: unter dieser Perspektive stell­te Prof. Dr. Knut Kiesant den als Reisebericht getarnten Traum vom Flug zum Mond und zu den Sternen vor.Der fliegende Wanders­mann nach dem Mond erzählt von der anti­utopischen Skepsis im Hinblick auf die kos­mischen Antipoden. Ein wagemutiger Aben­teurer widersetzt sich dem Prinzip der Unter­ordnung unter die gottgegebene Natur, expe­rimentiert mit Flugapparaten, Lichttelegra­phen und Nachrichtenübermittlungen, begibt sich in die Lüfte und landet erfolgreich auf dem Mond. Die ihm vertraute Ordnung steht diametral zu den Mond- und Sonnenstaaten, die als drastische Gegenwelten imaginiert werden. So wird dempetit animal Mensch von den Mondbewohnern zunächst jegliche Vernunft abgesprochen, und als er später ihre Sprache gelernt hat, zwingen sie ihn in einem Ketzerprozeß zum Widerruf des Irrglaubens, der Mond sei der Mond und die Erde eine Erde. Neu an dieser traumhaften Erzählung ist die eindeutige Parteinahme für das Koper­

Lancelot mit dem Heiligen Gral als Traum­erscheinung. Miniatur von 1286. Abb zo.

nikanische Weltbild theologische Dogmen werden durch das(fantastische) Experiment abgelöst. Imfliegenden Wandersmann sind die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum fließend. Was in der Form des Traums als Fiktion einer anderen Ordnung erzählt werden darf, konnte als ernsthafteSystem­theorie nur der Zensur zum Opfer fallen: GalileisDialog über die beiden haupt­sächlichsten Weltsysteme von 1632 stand als ketzerische Schrift auf dem Index.

Als Ausdruck imaginärer Phantasmen sind Träume bzw. Traumberichte in der histon­schen Rückschau Spiegel der Kulturge­schichte(n). Denn, das zeigten die thema­tisch äußerst breit gefächerten Vorträge, die Erinnerungs- und Interpretationsformen von Träumen unterliegen keinesfalls individuell konstruierten Deutungsmustern. In der eigen­tümlichen und bisweilen befremdlichen Form der Träume wurde wohl auch immer eine au­thentische Erfahrung oder aber das Privileg eines besonderen Wissens gesehen. Die Zu­rückweisung ans Private einerseits wie ande­rerseits die Vermutung eines außerordentli­chen Sinns wurden Gegenstand allerTraum­diskurse und knüpften sich von Anfang an an die Frage, welche Rolle Träume für die Selbstinterpretation des Menschen spielen. Die Kodierung der Träume sowie ihre litera­nische und bildliche Darstellung als Ausdruck kultureller und sozialer Praktiken trägt eben auch zu einem Verständnis der Gewordenheit der eigenen Kultur bei. Die Ringvorlesung hat gezeigt, daß es sich noch immer lohnt, den Träumen nachzuspüren und daß es Sich noch lange nicht ausgeträumt hat.'

Da der Traum immer auch eine ‚Wunscher­füllung ist, planen die Initiatoren der Ring­vorlesung eine Veröffentlichung aller Vor­träge in nächster Zeit- und natürlich das nächste Projekt. Christine Pfau

PUTZ 3/98

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