Heft 
(1.1.2019) 03
Einzelbild herunterladen

DIE UNORDNUNG DER ORDNUNG

Diskussionen um ethnische Zuordnungen im Zeitalter der Globalisierung

Im Personalausweis der Bundesrepublik steht unter Staatsangehörigkeit schlicht das Wortdeutsch. Die englische und französische Übersetzung dieser Katego­rie ist recht frei, denn dort ist die Rede von Nationalität. Diese beiden Dinge sind aber nicht das gleiche: Nation geht zu­rück auf das lateinischenatio,das Ge­borenwerden, und bezeichnet ursprüng­lich die Gemeinschaft derer, die durch Geburt einer bestimmten Gruppe ange­hören. Noch vor weniger als zehn Jahren hätte die Schlußfolgerung des Verfassers dieser Zeilen, die ethnische Herkunft deutsch bedeute die Staatsbürger­schaft der Bundesrepublik Deutschland, nicht unerheblichen Ärger für ihn bedeu­tet. Für den DDR-Staat gab es einen deut­lichen Unterschied zwischen Nation und Staatsangehörigkeit. Wie man diese Hal­tung auch finden mochte, die Konsequen­zen waren zumindest sehr real.

Daß solche Überlegungen nicht banal sind, machte Prof. Dr. Elisabeth Beck-Gernsheim von der Friedrich-Alexander-Universität Er­langen-Nürnberg kürzlich in einem Vortrag deutlich. Der von Prof. Dr. Erhard Stölting aus der Potsdamer Uni geleitete Abend im Potsdamer Einstein Forum war überschrie­ben mitSchwarze Juden und griechische Deutsche. Ethnische Zuordnung im Zeitalter der Globalisierung. Diese Überschrift zeigt beispielhaft, daß die Zunahme von binatio­nalen Verbindungen in den letzten Jahrzehn­ten nicht nur quantitative, sondern auch qua­litative Veränderungen bedeutet. Daß sich Ehepartner in Hautfarbe, Herkunft oder Re­ligion unterscheiden, ist nicht neu. Aber während Kinder solcher Verbindungen sich früher für eine Seite ihrer Herkunft entschie­den, begriffen sie heute immer mehr ihre Identität als binational, so die Referentin. Je­doch gehöre es zum Merkmal moderner Nationalstaaten, von den Menschen Zuord­nungen nach Nationalität und ethnischer Herkunft zu verlangen. Die so vorgenomme­ne juristische Unterscheidung zwischen Mitgliedern und Fremden ist nicht neutral.

An zwei historischen Beispielen, der offe­nen Rassendiskriminierung in den USA bis in die sechziger Jahre und der Nürnberger Gesetzgebung der Nationalsozialisten, konnte die Soziologin zeigen, daß diese Zuordnung gleichzeitig Zugang zu und Aus­schluß von Ressourcen zur vollwertigen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben be­deutet. Beide Beispiele machten sichtbar, daß die Versuche, solche Unterscheidun­gen rational begründen zu können, illuso­tisch sind und in Irrtümer und Paradoxien führen für viele mit tödlichem Ausgang.

Die behördliche Nüchternheit solcher Kri­terien ethnischer Zuordnung vermag auch in der Gegenwart nicht darüber hinwegzu­täuschen, daß die Vielschichtigkeit des Le­bens nicht in konventionelle Ordnungs­Schemata zu pressen ist. Ist eine Ururgroß­mutter, deren Name nicht mehr bekannt ist, ausschlaggebend, Herkunft und damit juri­stischen Status zu bestimmen? Machen Elsässer Vorfahren zum Franzosen oder Deutschen? Die vielfach wechselnden na­tionalen Oberhoheiten auch und gerade im 20. Jahrhundert über diverse Gebiete machen deutlich, daß Zuordnungen gro­Benteils soziale und historische Konstrukte sind. Politische Brisanz habe das Thema ethnische Zuordnung allerdings auch ge­genwärtig, So Beck-Gernsheim. Dies sei an der Debatte um die doppelte Staatsbürger­schaft abzulesen.

Die Aufgabe der Sozilalwissenschaft sei es daher, den konstruierten Charakter ethni­

scher Kategorien sichtbar zu machen. Die zunehmende Globalisierung vermehrt die Vielfalt an Lebensformen und Identitäten Die Moderne, zitierte Beck-Gernsheim den Soziologen Zygmunt Bauman, sei angetre­ten, endgültige Klarheit zu schaffen. Sie könne jedoch Ambivalenzen und Unord­nung nicht ausräumen, sondern nur ver­drängen. Zudem produziere sie dank ihrer Dynamik Unordnung.

Zwischen den Zeilen schwang ein Hauch Sympathie von Beck-Gernsheim für Unord­nung mit. Die Soziologie, so sagte sie am Schluß ihres sehr anregenden Vortrages, müsse sich der Herausforderung der Globalisierung stellen, indem sie nicht durch Kategorisierung diese Vielschichtig­keit von Leben verdeckt, sondern sie sicht bar macht. Chaos muß nicht immer Bedro hung sein, vielmehr eine Chance, das Indi­viduum den Zugriffen der Macht wieder zu entziehen. Michael Lohmann

TAG DER FACHGRUPPE BIOLOGIE/BIOCHEMIE

An der Universität Potsdam können die Studie­renden der Biologie im Hauptstudium zwischen den Spezialisierungsrichtungen Ökologie und Naturschutz sowie Physiologie wählen. Hinzu kommt der selbständige Studiengang Bioche­mie. In den vier Instituten der Fachgruppe Bio­logie/Biochemie bearbeiten mittlerweile 15 For­schungsgruppen ein so breites Themenspek­trum, daß es nicht nur den Lernenden, sondern auch manchem Wissenschaftler nicht immer Jeicht fällt, den Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu wahren. Deshalb orga­nisierte die Fachgruppenleitung für eine besse­re Information und Kommunikation Anfang des Jahres einen Tag der Fachgruppe. Etwa 90 Stu­dierende und Mitarbeiter konzentrierten sich dabei auf 36 Kurzvorträge unterschiedlichster Thematik. Um Immunsensorik, Kapillarelektro­Phorese, bispezifische Antikörper und den Übergang von heterotropher zu photoautotro­

pher Ernährung ging es in der Biochemie und Biotechnologie. Ein zellbiologischer Beitrag behandelte die molekulare Analyse des sarko­meren Zytoskeletts. Die regulierende Rolle des Calciums stand im Mittelpunkt der tierphysio­logischen Berichterstattung, während aus der Pflanzenphysiologie über den Stärke-Metabolis­mus berichtet wurde. In der Ökophysiologie ging es um Streßreaktionen bei Gräsern und ın der Vegetationsökologie um Hydrodynamik und Trophie in Auengewässern. Dias illustrierten allgemein wenig bekannte Pilze Brandenburgs, Zzooökologisch flankiert von Vorträgen über die Systematik und Ökologie einer Schmetterlings­gruppe und die Individualerkennung von Grau­gänsen. Auch die Humanbiologie fehlte nicht. Berichtet wurde über Grundlagen zur maßge­rechten Arbeitsplatzgestaltung und über Kör­perbau, Körperzusammensetzung und Ernäh­Fung. H.G./Foto: Fritze

Seite 12

PUTZ 3/98