DIE UNORDNUNG DER ORDNUNG
Diskussionen um ethnische Zuordnungen im Zeitalter der Globalisierung
Im Personalausweis der Bundesrepublik steht unter Staatsangehörigkeit schlicht das Wort„deutsch“. Die englische und französische Übersetzung dieser Kategorie ist recht frei, denn dort ist die Rede von Nationalität. Diese beiden Dinge sind aber nicht das gleiche: Nation geht zurück auf das lateinische„natio“,„das Geborenwerden“, und bezeichnet ursprünglich die Gemeinschaft derer, die durch Geburt einer bestimmten Gruppe angehören. Noch vor weniger als zehn Jahren hätte die Schlußfolgerung des Verfassers dieser Zeilen, die ethnische Herkunft „deutsch“ bedeute die Staatsbürgerschaft der Bundesrepublik Deutschland, nicht unerheblichen Ärger für ihn bedeutet. Für den DDR-Staat gab es einen deutlichen Unterschied zwischen Nation und Staatsangehörigkeit. Wie man diese Haltung auch finden mochte, die Konsequenzen waren zumindest sehr real.
Daß solche Überlegungen nicht banal sind, machte Prof. Dr. Elisabeth Beck-Gernsheim von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg kürzlich in einem Vortrag deutlich. Der von Prof. Dr. Erhard Stölting aus der Potsdamer Uni geleitete Abend im Potsdamer Einstein Forum war überschrieben mit„Schwarze Juden und griechische Deutsche. Ethnische Zuordnung im Zeitalter der Globalisierung“. Diese Überschrift zeigt beispielhaft, daß die Zunahme von binationalen Verbindungen in den letzten Jahrzehnten nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Veränderungen bedeutet. Daß sich Ehepartner in Hautfarbe, Herkunft oder Religion unterscheiden, ist nicht neu. Aber während Kinder solcher Verbindungen sich früher für eine Seite ihrer Herkunft entschieden, begriffen sie heute immer mehr ihre Identität als binational, so die Referentin. Jedoch gehöre es zum Merkmal moderner Nationalstaaten, von den Menschen Zuordnungen nach Nationalität und ethnischer Herkunft zu verlangen. Die so vorgenommene juristische Unterscheidung zwischen Mitgliedern und Fremden ist nicht neutral.
An zwei historischen Beispielen, der offenen Rassendiskriminierung in den USA bis in die sechziger Jahre und der Nürnberger Gesetzgebung der Nationalsozialisten, konnte die Soziologin zeigen, daß diese Zuordnung gleichzeitig Zugang zu und Ausschluß von Ressourcen zur vollwertigen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bedeutet. Beide Beispiele machten sichtbar, daß die Versuche, solche Unterscheidungen rational begründen zu können, illusotisch sind und in Irrtümer und Paradoxien führen— für viele mit tödlichem Ausgang.
Die behördliche Nüchternheit solcher Kriterien ethnischer Zuordnung vermag auch in der Gegenwart nicht darüber hinwegzutäuschen, daß die Vielschichtigkeit des Lebens nicht in konventionelle OrdnungsSchemata zu pressen ist. Ist eine Ururgroßmutter, deren Name nicht mehr bekannt ist, ausschlaggebend, Herkunft und damit juristischen Status zu bestimmen? Machen Elsässer Vorfahren zum Franzosen oder Deutschen? Die vielfach wechselnden nationalen Oberhoheiten auch und gerade im 20. Jahrhundert über diverse Gebiete machen deutlich, daß Zuordnungen groBenteils soziale und historische Konstrukte sind. Politische Brisanz habe das Thema ethnische Zuordnung allerdings auch gegenwärtig, So Beck-Gernsheim. Dies sei an der Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft abzulesen.
Die Aufgabe der Sozilalwissenschaft sei es daher, den konstruierten Charakter ethni
scher Kategorien sichtbar zu machen. Die zunehmende Globalisierung vermehrt die Vielfalt an Lebensformen und Identitäten Die Moderne, zitierte Beck-Gernsheim den Soziologen Zygmunt Bauman, sei angetreten, endgültige Klarheit zu schaffen. Sie könne jedoch Ambivalenzen und Unordnung nicht ausräumen, sondern nur verdrängen. Zudem produziere sie dank ihrer Dynamik Unordnung.
Zwischen den Zeilen schwang ein Hauch Sympathie von Beck-Gernsheim für Unordnung mit. Die Soziologie, so sagte sie am Schluß ihres sehr anregenden Vortrages, müsse sich der Herausforderung der Globalisierung stellen, indem sie nicht durch Kategorisierung diese Vielschichtigkeit von Leben verdeckt, sondern sie sicht bar macht. Chaos muß nicht immer Bedro hung sein, vielmehr eine Chance, das Individuum den Zugriffen der Macht wieder zu entziehen. Michael Lohmann
TAG DER FACHGRUPPE BIOLOGIE/BIOCHEMIE
An der Universität Potsdam können die Studierenden der Biologie im Hauptstudium zwischen den Spezialisierungsrichtungen Ökologie und Naturschutz sowie Physiologie wählen. Hinzu kommt der selbständige Studiengang Biochemie. In den vier Instituten der Fachgruppe Biologie/Biochemie bearbeiten mittlerweile 15 Forschungsgruppen ein so breites Themenspektrum, daß es nicht nur den Lernenden, sondern auch manchem Wissenschaftler nicht immer Jeicht fällt, den Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu wahren. Deshalb organisierte die Fachgruppenleitung für eine bessere Information und Kommunikation Anfang des Jahres einen Tag der Fachgruppe. Etwa 90 Studierende und Mitarbeiter konzentrierten sich dabei auf 36 Kurzvorträge unterschiedlichster Thematik. Um Immunsensorik, KapillarelektroPhorese, bispezifische Antikörper und den Übergang von heterotropher zu photoautotro
pher Ernährung ging es in der Biochemie und Biotechnologie. Ein zellbiologischer Beitrag behandelte die molekulare Analyse des sarkomeren Zytoskeletts. Die regulierende Rolle des Calciums stand im Mittelpunkt der tierphysiologischen Berichterstattung, während aus der Pflanzenphysiologie über den Stärke-Metabolismus berichtet wurde. In der Ökophysiologie ging es um Streßreaktionen bei Gräsern und ın der Vegetationsökologie um Hydrodynamik und Trophie in Auengewässern. Dias illustrierten allgemein wenig bekannte Pilze Brandenburgs, Zzooökologisch flankiert von Vorträgen über die Systematik und Ökologie einer Schmetterlingsgruppe und die Individualerkennung von Graugänsen. Auch die Humanbiologie fehlte nicht. Berichtet wurde über Grundlagen zur maßgerechten Arbeitsplatzgestaltung und über Körperbau, Körperzusammensetzung und ErnähFung. H.G./Foto: Fritze
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PUTZ 3/98