QUALITÄT DER LEHRE VON STUDIERENDEN BEWERTET
Über einen Pilotversuch an
Im Dezember 1996 beschloß der Akademische Senat der Universität Potsdam die Einführung des„Potsdamer Modells der Lehrevaluation“. Hintergrund dafür ist der Wille der Uni-Leitung, eine Verbesserung der Qualität der Lehre herbeizuführen. Erprobt wird das Modell nun in einer dreijährigen Pilotphase. Im Zentrum der Bemühungen steht dabei die Einrichtung einer für die Hochschule zentralen Service-Stelle für Lehrevaluation. Deren Aufbau erfolgt derzeit durch die Arbeitsgruppe„Qualität der Lehre“. Angesiedelt ist sie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und wird dort von der Professur für Sozialstrukturanalyse fachlich und organisatorisch betreut. Mittel aus dem Hochschulsonderprogramm II sichern die finanzielle Förderung.
Mit seinen drei tragenden Säulen folgt das Modell Empfehlungen des Wissenschaftsrates: Es umfaßt zum einen studentische Veranstaltungskritiken zur Beurteilung der Qualität von Lehrveranstaltungen, die im übrigen schon jetzt in verschiedenen Instituten, wie beispielsweise dem für Psychologie, regelmäßig zur Kenntnis vorliegen. Als innovatives Element beinhaltet es die dauerhafte Einrichtung einer zentralen studienbegleitenden Absolventenerhebung, aber auch externe Evaluationen durch fachnahe Gutachter, die nach dem für Berufungsverfahren an Universitäten üblichen Modell organisiert werden sollen.
Studienbegleitende Absolventenerhebung
Das Herzstück des Potsdamer Modells stellt eine studienbegleitend angelegte Befragung von Studierenden aller Fakultäten dar. Geplant sind Befragungen über die Studieneingangsphase, den Wechsel vom Grund- ins Hauptstudium und über die Phase der Abschlußprüfung. Darüber hinaus soll der Kontakt auch über den Studienabschluß hinaus gehalten werden, um die künftigen Absolventen später zum Beispiel über ihre Erfahrungen beim Übergang vom Studium in den Beruf berichten zu lassen. Schließlich interessiert deren Einschätzung von Nutzen und Verwertbarkeit der im Studium vermittelten Inhalte und Qualifikationen vor dem Hintergrund der Erfahrungen am Arbeitsmarkt.
Eine erste Befragung über die Studieneingangsphase fand bereits im Wintersemester 1997/98 statt. Die Fragenkomplexe betrafen die Studienmotivation sowie die Beurteilung der Studieneingangsphase, der Studienbedingungen und der Studienberatung. Von den ca. 2.600 ausgesandten Bö
gen erhielt die Arbeitsgruppe 36 Prozent zurück. Erste Auswertungen dazu werden im Sommersemester 1998 vorliegen.
Qualität der Lehre: Ergebnisse der Pilotstudie an WiSo-Fakultät
Dank der Bereitschaft der Studierenden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, sich an der Befragung zu beteiligen, und dank tatkräftiger Unterstützung durch die Fakultät, ihre Lehrenden und Fachschaften war es möglich, im Sommersemester 1997 insgesamt 1.750„studentische Veranstaltungskritiken“ von rund 800 Studierenden aus 30 Vorlesungen, 59 Seminaren und 18 Übungen einzuholen.
En
Unterschiedliche Faktoren gibt es offensichtlich für die Beurteilung von Lehr- en veranstaltungen. Gerade bei Seminaren und Übungen spielt das herrschende für
Lernklima eine große Rolle.
Im Urteil der Studierenden zeichnen sich die Lehrveranstaltungen der WiSo-Fakultät durch eine hohe Qualität aus. Auf der von 1(„sehr schlecht“) bis 11(„sehr gut“) reichenden, elfstufigen Qualitätsskala wird den Veranstaltungen im Mittel ein Wert von 7,3 attestiert, circa zwei Drittel aller Lehrveranstaltungen erfahren eine Gesamtbewertung zwischen 5,1 und 9,5.
Thema Beurteilungsgrund Relatives Gewicht „Erwartung“ 6| Erwartungen erfüllt 0,38 „Interesse“ | Studierende interessiert 0,39 Interesse am Fach gefördert 0,22 | Vortragsstil interessant Ze 0,22 Anderes | Struktur der Veranstaltung| 0,17 Methoden gelernt 0,14 Vortragsstil frei 0,11
Zunächst fallen einige deskriptive Unterschiede im Qualitätsurteil auf. Seminare und Übungen werden im Schnitt etwas besser beurteilt als Vorlesungen. Mit steigender Fachsemesterzahl sinkt tendenziell die wahrgenommene Qualität der Lehrveranstaltungen. Männliche und weibliche
der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät
Studierende unterscheiden sich in ihren Qualitätsurteilen nicht. Es zeigt sich auch, daß eine Lehrveranstaltung im Schnitt dann etwas schlechter abschneidet, wenn es sich um eine Pflichtveranstaltung handelt. Zustande kommen die Bewertungen nicht von ungefähr. Eine gute Handvoll Gründe erklären annähernd drei Viertel der Vanation in diesen Urteilen: Danach trägt eine Lehrveranstaltung eine um So bessere Qualitätsbeurteilung davon, je mehr sie die in sie aus Teilnehmersicht gesetzten Erwartungen erfüllt, das Interesse am Fach insgesamt befördert, erkennbar und nachvollziehbar strukturiert ist und vermittelt, wie und mit welchen Methouf den in dem Fach wissenschaftlich gearbeitet wird. Speziell für VorleH*“ sungen gilt er4 gänzend, daß die Studierenden deren Qualität als um so besser einschätzen, je mehr der Vortragsstil des Dozenten/ der Dozentin sich dem freien Vortrag annähert und Interesse weckt. Speziell Seminare/ Übungen tritt hinzu, daß deren Qualität als um so besser beurteilt wird, je mehr das von den Studierenden geschaffene„Lernklima“ dazu führt, daß die Mitstudierenden interessiert wirken.
Foto: Fritze
Offene Fragen
Die Auswertungen der Pilotbefragung an der WiSo-Fakultät zwingen zu neuen Antworten.„Erwartung“ und„Interesse“ erweisen sich offenbar als Schlüsselkonzepte zur Erklärung des Qualitätsurteils. Damit stellt sich natürlich die Frage, was genau Erwartungen und Interesse weckt oder befriedigt und in welcher Weise beides durch die Lehrveranstaltungen selbst geweckt bzw. befriedigt werden kann. Zudem bleibt zu klären, ob Erwartung und Interesse eigentlich das Maß der Dinge darstellen, wenn es um die Beurteilung der Qualität der Lehre geht. Uwe Engel
Voraussichtlich ab Mai 1998 ist die Internet-Seite der AG„Qualität der Lehre“ über das Stichwort Uni aktuell der UniHomepage zu erreichen.
Seite 20
PUTZ 3/98