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(1.1.2019) 07
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AUF DIE ZEIT NACH DER JAHRTAUSENDWENDE VORBEREITEN

Gespräch mit dem Direktor des Potsdamer Helmholtz-Gymnasiums, Dr. Dieter Rauchfuß

Eine besonders enge Zusammenarbeit, vorrangig mit Mathematikern, Chemikern und Informatikern, verbindet die Potsda­mer Hochschule mit Lehrern und Schü­lern des Hermann-von-Helmholtz-Gym­nasiums in der Landeshauptstadt. Mit dessen Direktor, Dr. Dieter Rauchfuß, sprach Dr. Barbara Eckardt für PUTZ.

PUTZ: Die Zusammenarbeit zwischen Ihrer Schule und der Universität Potsdam entwik­kelte sich in den vergangenen Jahren konti­nuierlich. Welche Ziele verfolgen Sie dabei? Dieter Rauchfuß: Verflechtungen mit der Universität Potsdam gibt es seit längerem, insbesondere über die Lehrerausbildung. Schon zu Zeiten der Pädagogischen Hoch­schule, bis heute weitergeführt, waren Prak­tikantengruppen und Dozenten an der Schu­le, Was wir aber jetzt voranbringen wollen, hat eine andere Qualität. Wir versuchen, die Schüler sehr eng in die Kooperation mit der Uni zu integrieren. Das betrifft derzeit die Bereiche Mathenmatik, Chemie und Infor­matik. Früher ging es in erster Linie um die Lehrerbildung. Jetzt widmen wir uns ver­stärkt der konkreten Unterrichtsgestaltung. PUTZ: Was kann denn eine Schule der Uni nutzen, und welche Vorteile entstehen für Sie durch die Kooperation?

Dieter Rauchfuß: Wir versuchen, unsere Schüler auf die Anforderungen der Zeit nach der Jahrtausendwende vorzubereiten. Dies können wir mit eigenen Mitteln nur sehr bedingt. Bestimmte Spezialkenntnisse und Instrumentarien stehen uns gar nicht zur Verfügung. Zudem unterbreitete uns die Universität konkrete Angebote. So richteten Wissenschaftler der Hochschule in der Ma­thematik für interessierte Schüler Arbeits­gemeinschaften ein, die wir aus eigenen Kräften nicht anbieten könnten. Für die Uni­versität liegt der Nutzen wohl darin, expli­zit erfahren zu können, was in der Schule passiert, wie Schule in der Praxis aussieht. Gegenseitiger Gewinn liegt ohne Zweifel in der Begleitung und Initiierung von Lernpro­zessen, nicht zuletzt unter fachdidaktischen Gesichtspunkten. Ich sehe die Kooperation auch unter dem Blickwinkel der Standort­problematik, Für eine Uni ist es vernünftig, qualifizierte Studenten zu bekommen. Wenn die Einrichtung selbst ihren Beitrag dazu leistet, umso besser.

PUTZ: Wie reagieren die Schüler und El­tern auf die Uni-Angebote?

Dieter Rauchfuß: Was wir bisher taten, ge­schah auf freiwilliger Basis. Das heißt, die Schüler nehmen an den Veranstaltungen der Arbeitsgemeinschaften ohne Zwang teil. Die Akzeptanz ist deshalb sehr hoch, weil sie genau wissen, daß wir diese Ange­

bote ohne die Uni nicht realisieren könnten. Besonders die Eltern erkennen dabei natür­lich, daß ihre Kinder zusätzliche Chancen für die Gestaltung ihres Lebens und ihres Berufes erhalten.

PUTZ: Sie deuteten bereits an, daß die er­sten Kontakte zur Hochschule im Zusam­menhang mit der Lehrerbildung entstan­den...

Dieter Rauchfuß: Wir haben mittlerweile ganz unterschiedliche Praktikantengrup­pen bei uns, weil es unterschiedliche Arten von Praktika gibt. Das läuft recht gut. Wir können allerdings nur eine begrenzte Zahl von Praktikanten verkraften. Fünf bis sieben sind in der Regel in unterschiedlichen Fä­chern an der Schule. Die Kollegen betrach­ten die Tätigkeit nicht als Belastung, auch wenn es natürlich für sie mit mehr Arbeit verbunden ist.

Setzt sich, für eine intensive Zusammenarbeit von Schule und Hochschule im Interesse beider Seiten ein: der Direktor des Potsdamer Helm­holtz-Gymnasiums, Dr. Dieter Rauchfuß.

Foto: Tribukeit

PUTZ: In der TIMS(Third International Mathematics and Science)-Studie wird deutschen Schülern in Mathematik nur Mit­telmäßigkeit bescheinigt. Sie arbeiten mit Prof. Dr. Thomas Jahnke aus dem Institut für Mathematik daran, die Qualität dieses Un­terrichts zu verbessern. Wie kam es dazu? Dieter Rauchfuß: Wir müssen die Attraktivi­tät der Naturwissenschaften im allgemeinen und der Mathematik im besonderen erhö­hen. Weil ein Industrieland wie Deutschland es sich nicht leisten kann, daß Schüler und Studierende massenhaft diese Fächerab­wählen. Offenkundig ist der gegenwärtig in Deutschland praktizierte Mathematik-Unter­richt nicht dazu geeignet, die Lernergeb­nisse zu erbringen, die wir brauchen. Vor diesem Hintergrund baten wir Prof. Jahnke

darüber nachzudenken, welche anderen Zugänge eröffnet werden können. Aus die­sen Überlegungen heraus entstand ein Ar­beitsbuch, das wir in diesem Jahr erstmals in den 7. Klassen ausprobieren. Die Aufge­benstellungen erarbeitete ein Team der Uni­versität. Wir führen auf dieser Grundlage den Unterricht durch. Im nächsten Jahr wird es Sogar so sein, daß der Mathematikunterricht per Video aufgenommen wird. Dies soll zu Forschungszwecken, aber ebenso für unse­re eigene Qualifikation erfolgen. So können wir sehen, wie die Stunden angelegt sinc, wie sich die Schüler beteiligen, die Lehrer verhalten und anderes.

PUTZ: Gibt es da keinen Widerstand von den Kollegen?

Dieter Rauchfuß: Nein, unsere Kollegen sind bereit, sich diesem Anliegen zu wid men. Die Fachkonferenz ist einverstander Es geht sogar noch weiter. Denn vorbehal lich der Genehmigungsverfahren will Pro Jahnke die Klassenarbeiten anschauen und auswerten. Das verlangt von uns natürlich eine sehr weite Öffnung. Wenn das jedoc!} dazu beiträgt, die Ergebnisse zu verbes sern, soll uns das recht sein.

PUTZ: Gute Kontakte zur Uni bestehen eber so in den Bereichen Chemie und Informatik Dieter Rauchfuß: Chemie ist für uns selb: Neuland. Das Ganze baut auf einer Arbe im WettbewerbJugend forscht auf. Zwei unserer Schüler beteiligten sich daran m'! einem Informatik-Thema zum Periodensy stem. Dort kooperieren wir mit Dr. Brigitt: Duvinage. Zum anderen werden wir in die sem Jahr erstmals ein naturwissenschaftli ches Praktikum mit den Schülern der 11 Klassen durchführen. Auch dabei nutzen wir die Unterstützung der Uni beispielswei se im Bereich der Chemie. Die Wissen­schaftler betreuen Vorhaben, die teilweise an der Uni selbst stattfinden. Was die Infor matik betrifft, so haben wir im Slavistik-Club eine Arbeitsgemeinschaft von Schülern unserer und anderer Schulen, die sich mit Beiträgen an Wettbewerben beteiligen. PUTZ: Können Sie sich eine Zusammenar­beit mit der Uni aufgrund der guten Erfah rungen und der sichtbaren Ergebnisse auch auf anderen Gebieten vorstellen? Dieter Rauchfuß: Vorstellen kann ich mir das auf jeden Fall. Es ist beispielsweise so, daß der sogenannte bilinguale Unterricht in Westdeutschland in weit größerem Umfang als bei uns durchgeführt wird. Er kommt jetzt auch in Brandenburg. Wir sind in Pots­dam die erste Schule, die ein Abitur mit der Sprache Englisch hat. Hier über eine wis­senschaftliche Begleitung nachzudenken, hielte ich für reizvoll.

PUTZ: Vielen Dank für das Gespräch.

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PUTZ 7/98