DIE ERDE BEBT, WANN SIE WILL
Frühwarnsysteme helfen, den Schaden zu begrenzen
Erdbeben zählen zu den großen Naturereignissen, die mit keiner Technik zu beeinflussen sind. Mit zunehmender Verstädterung und Bevölkerungsdichte werden bald drei Milliarden Menschen in erdbebengefährdeten Gebieten leben. Aus den Messungen von Bodenerschütterungen lassen sich jedoch noch immer keine Aussagen ableiten, wann etwa das nächste größere Beben zu erwarten ist. Viele Wissenschaftler sind überzeugt davon, daß dies auch so bleiben wird, denn möglicherweise handelt es sich bei der Erdkruste um ein„chaotisches System“, für das langfristige Prognosen unmöglich sind. Andere Experten meinen dagegen, daß sich in den Daten dennoch Muster und Strukturen erkennen lassen, deren genauere Analyse Aufschluß über die Wahrscheinlichkeit eines größeren Bebens geben kann.
Auch der Potsdamer Geophysiker Prof. Dr. Jochen Zschau vom GeoForschungsZentrum(GFZ) konnte schon oft beobachten, daß sich größere Erdbeben durch die sogenannte seismische Ruhe, eine Art„Ruhe vor dem Sturm“, ankündigen. Nun haben sich zwei junge Physiker unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Kurths an der Universität Potsdam im Rahmen des Sonderforschungsbereichs„Komplexe Nichtlineare Prozesse“ mit diesem Problem beschäftigt.
Gert Zöller arbeitet mit den Erdbebenkatalogen der Gruppe Zschau und versucht, darin Hinweise auf den„seismischen Zyklus“ zu finden und diesen etwas präziser zu Charakterisieren. Qualitativ läßt sich der iypische Ablauf zwischen zwei Beben so beschreiben: Nach dem großen Beben und einigen Nachbeben kommt das System zunächst zur Ruhe, erholt sich langsam, zeigt dann wieder eine normale Aktivität, bevor es in eine erneute Ruhephase eintritt, während derer Spannung und Druck in der Erdkruste anwachsen, bis sich die gesamte Energie im nächsten Hauptbeben entlädt. Die Dauer dieser einzelnen Phasen und ihr genauer Verlauf scheinen keinen bekannten Gesetzmäßigkeiten zu folgen. In den unregelmäßigen Ausschlägen sind auf den ersten Blick keinerlei Muster und Strukturen zu erkennen. Erst mit Methoden aus der Nichtlinearen Dynamik zeigen sich doch Regelmäßigkeiten, die sich im Dikkicht der zufälligen Schwankungen verstekken.„Ich mache eine Art Rückschau und versuche, daraus etwas über die Vorhersagbarkeit abzuleiten. Vor allem versuche ich eine Referenzseismizität zu konstruieren, also beispielhafte Kurven für‘Normale Erschütterungen',‘Seismische Ruhe’ und die Zwischenphasen‘“, erklärt Zöller. Erst wenn mit Hilfe solcher Referenzphasen die einzelnen Stadien identifiziert sind und sich in genügend vielen Fällen die Hypothese bestätigt, daß auf eine Ruhe das große Beben folgt, wird sich die Methode auch zur Erdbebenvorhersage einsetzen lassen.
Erdbeben verstehen Sebastian Hainzl packt das Problem von der anderen Seite an. Er berechnet die Schwin
gungen eines künstlichen Systems, einem stark vereinfachten Modell der Erdkruste: Zwei Platten bewegen sich gegeneinander. Sie sind durch Blöcke getrennt, welche an der unteren Platte haften und mit der oberen durch Zugfedern verbunden sind. Auch untereinander sind die Blöcke durch Federn gekoppelt. Die Bewegung wird also durch die Haftreibung gehemmt, während die Federn immer mehr unter Zugspannung geraten. Erst wenn die Spannung der Zugfedern zu groß wird, geht es ruckartig vorwärts. Das ist das Beben. Schon dieses simple Modell zeigt einige der typischen Erdbebenmuster und besitzt, wie von vielen Wissenschaftlern vermutet, die Eigenschaft der„selbstorganisierten Krnitizität“: Wie von selbst manövriert es sich immer wieder in einen labilen Zustand hinein, in welchem dann kleinste Zufälle entscheiden, ob es zum großen Beben kommt oder ob sich die Energie in vielen undramatischen Erschütterungen freisetzt. Solche Erdbeben im Computer können daher Aufschluß über die Mechanismen geben, die bei wirklichen Erdbeben eine Rolle spielen. Der Begriff„Selbstorganisierte Kritizität“ gehört zum Inventar der Chaosforschung. Aber, ob die Erdkruste wirklich ein chaotisches System ist, ist damit noch nicht gesagt.„Dazu reichen die Daten allein nicht aus“, sagt Zöller vorsichtig. Wenn dem so wäre, würde es auch nicht bedeuten, daß Erdbebenvorhersagen grundsätzlich unmöglich sind. Wenn es gelingt, die Muster und Mechanismen besser zu verstehen, wären zumindest kurzfristige Prognosen denkbar.
Frühwarnsystem für Istanbul
Im Moment sind solche Vorwarnungen jedoch noch Zukunftsmusik. Erst wenn die Erde bebt, sind sich Wissenschaftler wirklich sicher. Durch sofortige Warnungen kann dann die Katastrophe eingedämmt werden. An einem solchen Frühwarnsystem für die Megastadt Istanbul arbeitet der Geowissenschaftler Prof. Dr. Jochen Zschau zusammen mit Wissenschaftlern türkischer Forschungseinrichtungen. Istanbul liegt in einer stark erdbebengefährdeten Region, die inzwischen mit über 16 Millionen Men
Das Seismometer wird durch Solarzellen mit Strom versorgt und funkt die Daten drahtlos an die nächste Station. Foto: GFZ
schen besiedelt ist und fast die Hälfte zur Wirtschaftskraft der Türkei beiträgt. In den letzten 2000 Jahren gab es fast jedes Jahrhundert ein großes Erdbeben, zuletzt wurde Istanbul 1894 in Schutt und Asche gelegt. Die geologische und tektonische Situation ist ungünstig, da die Zentren der Beben in der Regel weniger als hundert Kilometer von Istanbul entfernt liegen. Wenn in den seismischen Stationen ein Beben gemessen wird, bleibt für die Frühwarnung daher nur wenige Sekunden Zeit: Solange brauChen die zerstörerischen Sekundär- und Oberflächenwellen, um sich vom Mittelpunkt des Bebens bis nach Istanbul fortzupflanzen. In diesen Sekunden müssen Gasleitungen geschlossen, Chemiewerke runtergefahren und der Verkehr auf der Bosporusbrücke gestoppt werden. Zschau arbeitet gemeinsam mit seinen türkischen Kollegen an der Berechnung der Bodenerschütterungen in Istanbul, die bei verschiedenen Arten von Beben auftreten würden. Diese Szenarien, in die viel Wissen über Bodenbeschaffenheit, Grundwasserspiegel, aber auch Infrastruktur der einzelnen Stadtviertel einfließt, sollen in einer Datenbank abgespeichert und im Ernstfall sofort an die Katastrophenmanager weitergegeben werden. Je nachdem ob in einem Viertel eine Fabrik steht, ein Kraftwerk oder eine Schule müssen automatisch geeignete Maßnahmen anlaufen, um den Schaden zu begrenzen. Außerdem wollen Zschau und seine Kollegen ein dichteres Netz von seismischen Meßstationen in der Region um Istanbul legen. Dadurch und durch geschickte Kombination von Meßergebnissen sollen die Epizentren und Stärken von Beben schneller als bisher ermittelt werden. Denn je genauer und schneller die Frühwarnungen sind, desto besser läßt sich auf die Katastrophe reagieren. ar
PUTZ 7/98
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