KOSMISCHES PUZZLE„RÖNTGENHINTERGRUND“
Röntgensatellit ROSAT liefert neue Erkenntnisse zur Entstehung der Galaxien
Ein Blick in den Sternenhimmel ist auch ein Blick in die Vergangenheit: Das Licht des Sirius braucht beispielsweise neun Jahre bis es auf der Erde eintrifft. Je weiter ein Stern entfernt ist, desto„älter“ ist sein Licht bei Erreichen der Erde. Das gilt nicht nur für sichtbares Licht, sonder für elektromagnetische Wellen überhaupt, von Radiowellen bis hin zu Gammastrahlen. Allerdings läßt die Erdatmosphäre im wesentlichen nur Radiowellen und sichtbares Licht durch, nicht aber die kurzwelligere Röntgenstrahlung. Diese liefert jedoch Aufschluß über Objekte, in denen höchste Temperaturen, extrem energetische Teilchen oder superstarke Magnetfeder herrschen. Röntgenstrahlung läßt sich nur mit Teleskopen und Detektoren vermessen, die außerhalb der Erdatmosphäre stationiert sind, so wie der Röntgensatellit ROSAT, der seit Mitte 1990 die Erde umrundet.
ROSAT durchmusterte nicht nur den gesamten Himmel im„weichen“ Röntgenbereich, sondern riskierte auch den bisher„tiefsten“ Blick in den Röntgenhimmel überhaupt: Er lokalisierte Quellen am Rand des Universums in rund 10%” km Entfernung von der Erde. Fällt Röntgenstrahlung jener Quellen auf den Detektor von ROSAT, so ist sie circa zehn Milliarden Jahre durch das Universum unterwegs gewesen. Prof. Dr. Günther Hasinger, Direktor des Astrophysikalischen Instituts Potsdams und Professor für extragalaktische Astrophysik und Kosmologie an der Universität Potsdam, gehört zu dem internationalen Team von Astrophysikern, die diese Daten auswerten und so einen Blick auf die stürmische Jugend des Weltalls werfen. Wie ein kosmisches Puzzle konnten sie eine Reihe von Beobachtungen zu einem neuen Bild über die Bildung der Galaxien vor mehr als zehn Milliarden Jahren zusammensetzen. Das erste Puzzleteil fanden die Astrophysiker, als sie die sogenannte Röntgenhintergrundstrahlung untersuchten. Welche Objekte oder Prozesse diese Überlagerung schwacher Röntgenstrahlung aus allen Himmelsrichtungen verursachen, war bis dahin nicht bekannt. Tatsächlich zeigten die ROSAT-Daten, zusammen mit Messungen am Keck-Teleskop in Hawai, daß diese diffuse Strahlung überwiegend von weit entfernten aktiven Galaxien kommt. Zu den aktiven Galaxien gehören Quasare, die leuchtkräftigsten Objekte des
Universums, Radiogalaxien, Seyfert-Calaxien, Blazare und andere auffällige Objekte. Mittlerweile deutet vieles darauf hin, daß all diese Erscheinungen durch den gleichen Mechanismus hervorgerufen werden: Ein Schwarzes Loch im Zentrum einer Galaxie, das mit seinem extremen Gravitationsfeld Materie aus seiner Umgebung aufsaugt. Beim Zustrudeln auf das Schwarze Loch heizt sich die Materie auf mehrere Millionen Grad auf und sendet dabei Röntgenstrahlung ins All. Von der Erde aus erscheinen diese Objekte unterschiedlich, weil wir sie unter verschiedenen Blickwinkeln sehen. Die Quasare zeichnen sich durch einen besonders üppigen MaterieNachschub aus, wodurch sie sehr viel heller sind als andere aktive Galaxien.
Ist die Auflösung des Röntgenhintergrundes an sich schon ein Erfolg, so zogen Hasinger und seine Kollegen aus dem Ergebnis noch weitaus mehr Informationen.„In der Frühzeit des Universums“, kommentiert Hasinger; „saß in fast jeder Galaxie ein fressendes Schwarzes Loch“. In circa zehn Milliarden Lichtjahren Entfernung, also vor zehn Milliarden Jahren, gab es rund tausend mal so viele Quasare wie vor einer Milliarde Jahren. Allerdings existierten, bezogen auf die jeweilige Gesamtzahl, damals wie heute genauso viele schwach leuchtende, mäßig helle oder extrem helle aktive Galaxien. Nach Hasingers Interpretation folgt darum, daß immer wieder Galaxien aktiviert werden, während andere sich„abschalten“.
Dies paßt auch zu einer Reihe anderer Beobachtungen, die darauf hindeuten, daß die meisten oder sogar alle Galaxien ein Schwarzes Loch besitzen. Prinzipiell kann also fast jede Galaxie aktiviert werden, zum Beispiel durch Zusammenstoß zweier nicht aktiver Galaxien, deren Schwarze Löcher ihre nähere Umgebung vollständig leergefressen haben. Durch die Kollision werden ihre Sterne aus der Bahn geworfen und können in den Sog eines der Schwerezentren gelangen, welches dadurch wieder Nahrung erhält. Da das Universum in seiner Frühzeit sehr viel kompakter war als heute, kam es damals sehr viel häufiger zu Zusammenstößen. Dies erklärt auch die Beobachtung, daß es in der Frühzeit offenbar mehr aktive Galaxien und Quasare gab. Was aber setzte den ganzen Prozeß in Gang? Nach der bisherigen Vorstellung bildeten sich nach dem Urknall zunächst kleine kugelförmige Gaswolken, aus denen bis zu einer Million Sterne„ausflockten“. Erst
als diese ersten Sonnen verlöschten und ihrer eigenen Schwerkraft nicht mehr standhalten konnten, stürzten sie zu unendlich dichten Schwarzen Löchern zusammen. Die ROSATDaten aber lieferten Hasinger und seinen Kollegen einen Puzzlestein, der in dieses Bild nicht paßt. Sie zeigten nämlich, daß die Population aktiver Galaxien zu einem Zeitpunkt maximal war, zu dem die Sternbildung noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte. Es ist somit gut möglich, daß es bereits vor dem ersten Stern schon Schwarze Löcher gab. So könnte sich nach dem Urknall auch ein Teil der Materie zu So enorm großen Sternen zusammengeballt haben, daß diese von Anfang an, ihrer eigenen Schwerkraft nicht standhalten konnten und schnell zu Schwarzen LöCchern zusammenfielen. Diese waren dann die Keime für die Galaxienbildung, zogen die restliche Materie an sich heran, die dann immer stärker verdichtet zu Sternen„krnistallisierte“. Aus diesen Sternen bildeten sich um das Zentrum herum die ersten Galaxien. Einige Unsicherheiten gibt es bei dieser Interpretation des Röntgenhintergrundes noch. So hat ROSAT nur die weiche, energiearme Röntgenstrahlung gemessen, wohingegen die Röntgenhintergrundstrahlung ihren größten Anteil bei höheren Energien hat. Wichtige Informationen fehlen daher. Die nächste Generation von Röntgensatelliten(der europäische XMM und der amerikanischen AXAF) soll bis zum Jahr 2000 gestartet sein und bei zehnfach höheren Energien messen. Diese Röntgenstrahlung im harten Bereich wird kaum von interstellaren Staubwolken absorbiert und daher Informationen liefern, die die neuen Hypothesen entweder stützen oder umwerfen könnten. ade
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