Heft 
(1.1.2019) 09
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BERLINER SCHNAUZE UND BRANDENBURGER WITZ

Volksweisheiten und Redensarten im Wörterbuch

Leben wie die Laus im Schorf nannten es die Bauer aus der Prignitz, wenn es sich einer gut gehen ließ. Im Kreis Bamim lebte so einerwie der Bulle auf der Wie­se und nur im Hochdeutschenwie Gott in Frankreich. Wenn einer aber schwer krank war, rieten ihm die Nachbarn: Mach dich nur schon man mit dem lie­ben Gott bekannt, und starb er schließ­lich, befanden sie lakonisch, daß ihm die Seele aus dem Hinteren gekrochen sei. Aus demselben kroch natürlich häufig auch nur ein Pup, und Pupe war denn auch ein dünnes Braunbier, das Blähun­gen verursachte.

Einen ganzen Abend lang warf Dr. Teo­dolius Witkowski eine Perle nach der ande­

ren aus dem Brandenburg-Berlinischen Wörterbuch ins leider nur spärlich besuch­te Kolloquium der Gesellschaft für deutsche Sprache in Potsdam. Der Gelehrte, der vie­le Jahre an dem umfangreichen Wörter­buch mitgearbeitet hatte, entdeckt in der Dialektsprache den Humor der Menschen, die den kargen Sandboden der Mark beak­kerten und die Widrigkeiten des Lebens gelassen kommentierten.

Bereits kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 begann die Germanistin Annemarie Bretschneider mit der Sammlung von Ausdrücken, Redewendungen und Be­zeichnungen, legte mit Tonbandaufnahmen, alten Zeitungsartikeln, Dialektgeschichten und Kalendersprüchen eine riesige Fund­

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grube an, aus der ihre Nachfolger seit 60 Jahren schöpfen konnten. Das vierbändige Werk ist nun fast abgeschlossen.

Naturverbunden und deftig drücken sich die Brandenburger aus. Heißt es in der Bi­bel: ‚Wer hat, dem wird gegeben, dann sagt das Volk:Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Wer Glück hat, dem kalbt der Ochse oder derscheißt im Schlaf ohne zu drücken und der Faulpelz sucht fertige Arbeit. Wenn der Berliner Schriftsteller Kurt Tucholski meint:Die Al­ten haben vergessen, daß sie Jung gewesen sind, und die Jungen können sich nicht vor­stellen, daß sie auch einmal alt werden, so heißt es auf dem Land:Alte Kuh gar leicht vergißt, daß sie Kalb gewesen ist. Wenn einer, vielleicht gar aus der Stadt Berlin, einfach so dahin redet, stellt man in Brandenburg fest: Da redet der Mund dahin und das Herz weiß nichts davon (Kreis Prenzlau) oderDas hat er auch so über dem Herzen dahin gesagt(Kreis Perleberg).

Viele der brandenburgischen Mundarten sind inzwischen im Verschwinden begriffen. Die Ar­beiten am Wörterbuch standen daher unter einem enormen Zeit­druck. Schon seit langer Zeit strahlt der Berliner Slang ins Um­land aus und überdeckt die dor­tigen Dialekte. Die große Dichte an Menschen, an Zuwanderern wie den Hugenotten, Schlesiern oder Schwaben hat in Berlin eine Atmosphäre aufbrodeln lassen, in der auch die sogenannten klei­nen Leute eine enorme oratori­sche Begabung entfaltet haben: Die Berliner sind berühmt für ge­wagte Vergleiche, drastische Bil­der, spöttische Antworten und die Verquatschungen wie Fami­lienbibber für Vanillepudding. Einige der neuesten Errungen­schaften spiegeln sich im Kom­mentar zu läpprigen Bulletten, die dasFleisch nur ferngesehen haben,

Ausdrücklich ausgespart blie­ben jedoch die Jugendsprache und damit auch Einflüsse der neuen Einwanderergruppen, vor allem der Türken, der Schwaben und der Rheinländer. Das Wör­terbuch ist daher, noch vor seiner Vollendung, bereits ein histori­sches Dokument. ar

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