An die Anglistikstudenten der 90er Matrikel (und ihre Lehrkräfte): Nach-Betrachtung zu einer empirischen Untersuchung
Sicherlich erinnern sich Anglistikstudenten der 90er Matrikel an eine Phonetikvorlesung im Januar 1991, die vergleichsweise etwas ungewöhnlich verlief. Im Rahmen längerfristig angelegter theoretischer und empirischer Untersuchungen befragten wir u. a. diese Matrikel zu motivationalen Problemstellungen: sprich Studienerwartungen, erste Studienerfahrungen, Interessen etc., vor allem im Fach Englische Sprachausbildung(ESA). Da eine Anzahl von Studenten reges Interesse an den Fragestellungen zeigte und um „Öffentlichmachung“ der Ergebnisse bat, möchten wir heute dieser Bitte nachkommen.
Die Befragung dieser Matrikel war für uns im Vergleich zu anderen befragten Teilpopulationen(89er Matrikel Anglistik) insofern interessant, als die Matrikel als 1. Jahrgang ihr Studium in der„nichtmehr-existenten-DDR“ begann. Wenn der 89er Studentenjahrgang noch unmittelbar den Beginn der gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse(„politische Wende‘‘), damit auch beginnende Veränderungen an der Universität erlebte(damals noch Hochschule), aber dennoch das traditionelle Studienprogramm absolvierte, begann die 90er Matrikel ihr Studium bereitsnach neuen Rahmenstudienprogrammen und unter veränderten studienorganisatorischen Bedingungen(z. B. Wahl der Ausbildungsform wird von Beginn an in ausschließlicher Verantwortung der Studenten getroffen, neben obligatorischen Kursen sind fakultative Lehrveranstaltungen frei wähl- und kombinierbar/wiederholbar, Kursgruppen funktionieren nach dem Prinzip des Einschreibesystems— Stundenplan selbst bauen...). All diese Umstände haben keinen unwesentlichen Einfluß auf die Motivation und Einstellung der Studierenden sowohl zum Studium selbst als auch zu ihrem gewählten Studienfach.
Neben den Untersuchungsbefunden, die i. w. S. zur Entwicklung eines soliden englischsprachigen Könnens erwachsener (studentischer) Lernender beitragen wollen, sind wir der Meinung, daß unsere Erfassung von motivationalen Strukturen auch im Hinblick auf eine aufzubauende allgemeine und fachspezifische Studienberatung Probleme aufzeigen und Orien
6
tierungspunkte bieten kann. Nicht zuletzt ist es unser Bestreben, die„Betroffenen‘‘ zu eigenen Überlegungen dazu anzuregen bzw. alle Befragten(Lehrende und Studierende) gegenüber nicht unwichtigen Motivationsfragen zu sensibilisieren. Einige ausgewählte Ergebnisse von allgemeinem Interesse seien hier aufgezeigt. (Auf Kommentare bzw. mögliche Schlußfolgerungen haben wir aus Platzgründen an vielen Stellen verzichtet.)
Foto: Tribukeit
— Die Mehrzahl der befragten Studienanfänger zeichnete sich bei Aufnahme des Studiums durch eine mittelmäßige bis gute Habitualmotivation(Einstellung) zum Studium selbst bzw. zum Studienfach (Englisch, speziell ESA) aus. In dieses Ergebnis fließen einerseits u. a. das Vorhandensein und die Entwicklung des persönlichen Interesses für Englisch sowie gemachte positive schulische Lernerfahrungen ein. Andererseits wird das Ergebnis durch ungünstige Voraussetzungen gefärbt— angesiedelt im Gesamtbedingungsgefüge des Lernens von Englisch an der damals noch BLH-—, die sich u. a. aus der„Wende‘ ergeben. haben;„Druck, innerhalb einer bestimmten Zeit eine Anzahl von ‚Scheinen‘ zu machen‘, „unsichere Berufsaussichten‘‘,„Nichtzurechtkommen mit solchen Anforderungen, die der bisherigen Schulpraxis fremd waren etc.(s. oben).
— Erfreulich ist, daß alle befragten Versuchspersonen hinsichtlich ihrer Entscheidung für ein Anglistikstudium insgesamt ein ausgesprochen sprach- und sprechorientiertes Spektrum von Motiven ausweisen(Interesse an Sprache, Land, Kultur...). Der Ausprägungsgrad dieser Motivgruppe ist dabei bei Studenten, die keine Lehrer werden wollen, geringfügig höher. Gleicher Motivkomplex hat einen weitaus stärkeren Einfluß auf die Studienfachwahl als Prestigemotive„BerufsChancen“,„Angst vor Naturwissenschaften“eic:
— Die Befunde widerspiegeln jedoch auch — erwarteterweise—, daß„prestige-orientierte‘“ Motive(als Streben nach Anerkennung und Geltung) für die Probanden der 90er Matrikel eine höhere Wertigkeit besitzen als für die 89er Versuchspopulation.(Eine zu starke Entwicklung der negativen Seite dieses Motivs, im Sinne eines„egozentrischen Ehrgeizmotivs“, sollte u. E. zukünftig unter korrigierenden und regulierenden Gesichtspunkten beachtet werden.)
— Lediglich 53,2% der Befragten im 90er Jahrgang gaben zum Zeitpunkt der Untersuchungen an,(Englisch-)Lehrer werden zu wollen. Dabei setzen die Lehramtsbewerber dieser Matrikel ihre Studien- und Berufsinteressen allgemein in einen relativ breiten sozialen, auch internationalen Nützlichkeitsrahmen, der einen möglichen Berufswechsel offen läßt (an 2. Stelle setzen diese Probanden einen Einsatz an Hochschule/Universität, 3. Erwachsenenbildung, 4. Bibliothek/Archiv, 5. Presse/Wirtschaft).
— Berufliche und zukünftige lebenspraktische Stimuli scheinen für die übrigen Studenten der 90er Matrikel(46,8%) in der Studieneingangsphase aufgrund teilweise fehlender Berufzsziele kaum eine Rolle zu spielen. Bezüglich der Vorstellung dieser Probanden von ihrer Berufsperspektive stellen sie an 1. Stelle einen Einsatz in der Wirtschaft, 2. Rundfunk/ Fernsehen, Presse/Verlage, Erwachsenenbildung, 3. Schule/Hochschule.(Sowohl die Fachwissenschaften als auch die Studienberatung müßten sich inhaltlich/thematisch stärker dem breiter gewordenen
Fortsetzung S. 7
Nr. 15/91