STUDENTEN
Nr. 4/92— Seite 9
Der Hochschulstudentenrat der TH Ilmenau sandte unserer Redaktion den im folgenden abgedruckten Beitrag zu. Wohlwissend, daß die Situation an unserer Universität eine andere als in Ilmenau ist, sind wir am Austausch von Informationen auch über unser Bundesland hinaus interessiert. Deshalb kommen wir der Bitte um Veröffentlichung hiermit nach, Zum Jahresende besann man sich im Thüringer Ministerium für Wissenschaft und Kunst(TMWK) mal wieder der Prinzipien zentralistischer Führung. Ungeachtet der Tatsache, daß diese Herangehensweise einem anderen Gesellschaftssystem zugeschrieben wird, ging man seitens des TMWK daran, die Thüringer Hochschullandschaft zu gestalten. All jene, die es fürderhin betreffen würde, saßen währenddessen im guten Glauben an die Heiligkeit der Autonomie der Hochschulen unterm Weihnachtsbaum und fristeten ihr Dasein mit der Verdauung des Gänsebratens.
Still und heimlich wurde also in jenen Tagen der Rektor der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar vom Dienst suspendiert(näheres erfrage der geneigte Leser bitte dort) und auch die Technische Hochschule Ilmenau zum Zielpunkt der subversiven Tätigkeit der Regierungsgewaltigen. Eine Hochschule mit knapp 3000 Studenten und immerhin etwas mehr als 1000 Mitarbeitern muß zwangsläufig dem Landesfinanzsäckel ein Dorn im
Auge sein und provoziert geradezu ministeriellen Aktionismus. Man bedenke: an den Lehreinrichtungen der ZAL(sprich:„Zehn Alten Länder‘‘) genießen vergleichsweise mehr Studenten, angeleitet von wesentlich weniger Lehrpersonal, dafür aber in zum Brechen angefüllten Hörsälen ihr Recht auf
Bildung. Per Erlaß kehrte man also den in langwierigen Verhandlungen
zwischen Hochschule und Ministerium ausgehandelten Kompromiß vom 05. 12. unter den Teppich und strich, strategisch wie
inkompetent, wild im Personalstrukturplan der THI herum. Finanzsäckel und Rotstift einigten sich darauf, daß künftig von 100 Mitarbeitern nur noch 20 unbefristet tätig sein dürfen. Anfang Dezember waren es noch 40. Des weiteren wurde der Hochschule die unermeßliche Gnade zuteil, statt 160 ganze 263 Stellen zu sperren. Schließlich bestand der strategisch denkende Rotstift auf der Streichung von drei Professuren nebst
Mensch ärgere mich nicht!
Ausstattung, wovon am 05. 12. 91 mitnichten die Rede war.
Die friedlich verdauende Weltöffentlichkeit ahnte von all dem nichts. Was Wunder also, daß sie vor der Herrlichkeit des TMWK schier erblaßte, als sie im neuen Jahr an die Stätte ihres Wirkens zurückkehrte.
Zum Bedauern der übergroßen Mehrheit der Hochschulöffentlichkeit fehlte dem Erlaß jeglicher Hinweis auf die Gestaltung des Lehrbetriebes in posterläßlicher Zeit. Ein überfüllter Hörsaal für ein ganz normales Mathematikseminar statt überfüllter Seminar
/ räume— nette Vision. Wer denkt
da nicht gern an die Zeit seiner Kindheit und das Märchen vom guten Westonkel zurück und hofft auf weitere Hörsäle, selbstredend gesponsort vom regierungsgewaltigen BesserWessi? Scharfsinnige Denker werden die Folgen für ganze Studienrichtungen sicher sofort erkannt und ihre wissenschaftlichen Projekte in den Wind geschrieben haben. Wozu auch wertvolle geistige Tätigkeit in offensichtlich veraltete Ingenieurtechnik investieren, wenn am Horizont bereits das viel innovativere Steinbeil erstrahlt und der Jäger'90 behutsam ausgedehnte Wolkenfelder pflügt.
Nun haben Erlässe die unangenehme Eigenschaft, in Kraft zu treten, sobald sie im nächsten Amtsblatt erscheinen. Mit der gebotenen Eile erreichte die Hochschulleitung für den 16. 01. einen neuen Verhandlungstermin mit den Vätern jenes wegweisenden Mach
werkes. Die Studies hingegen begannen, sich in Außerparlamentarismus zu üben und bereiteten einen Streik vor, dessen Länge von den Verhandlungsergebnissen abhängen sollte. Am 15. und 16. 01. stieg dann der Streik, Studentenvollversammlung, Meetings, Streikcafe, Streikradio(sonst Hochschulfunk) und leere Hörsäle inclusive. Hinter uns die interessierte Presse und Sympathisanten aus den Kreisen der Mitarbeiter und Professoren. Derart motiviert begaben sich unsere kompetentesten Vertreter, Rektor und Dekane, auf den Basar für Hochschulangelegenheiten. Nach einem halben Tag intensiven Feilschens traf man sich ungefähr in der Mitte: 30 befristete auf je 100 Mitarbeiter, 40 von geforderten 59 Entsperrungen und die Zurücknahme von zwei der drei Streichungen. Die Aufteilung der bleibenden Stellensperrungen ging in die Hand der THI über. Alles in allem ein Erfolg. Übrigens sagte man uns kurz vor Streikende, daß der Erlaß mitnichten Gesetz hätte werden sollen, sondern lediglich einen Versuch darstellte, wieweit man gehen könnne. Eh ich's vergesse: „Man‘ hat einen Namen: Herr Brans, Staatssekretär im TMWK seines Zeichens. Es lohnt sich also noch, für die Autonomie unsererselbst zu kämpfen, und manchmal macht das sogar Spaß.
StuRa der THI
Deutsches Studentenwerk gegen Ausländerfeindlichkeit
Angesichts der aktuellen Ausschreitungen gegen ausländische Mitbürger in der Bundesrepublik hat das Deutsche Studentenwerk (DSW) zwei Plakate neu aufgelegt:
Es handelt sich um die Plakate „Berührungspunkt Studium“ von Rainer Sponholtz sowie„Alle Menschen sind Ausländer‘ von Anne Wild, die aus dem 2. Plakatwettbewerb des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahre 1987/
88 stammen. Sie werden an die Studentenwerke, die Hochschulen und an die Hochschulstädte versandt. Das DSW hofft, mit den Plakaten Denkanstöße zu vermitteln, Vorurteile abzubauen und Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen der ausländischen Mitbürger aufzubrechen.
Die Kultusministerkonferenz hat am 10./11. Oktober 1991 in einer Erklärung zur Ausländerfeindlichkeit„alle Institutionen im Bil
dungs-, Wissenschafts- und Kulturbereich aufgerufen, zur Überwindung der Ausländerfeindlichkeit ihren Beitrag zu leisten‘‘. Das DSW unterstützt diesen Appell mit Nachdruck: Nach seiner Auffassung haben die Hochschulen eine besondere Verpflichtung zur Aufklärung und zur Verteidigung von Humanität, Toleranz und Menschenrechten. Das gilt auch für die Institutionen im Hochschulbereich, die für mehr als 100 000
ausländische Studierende in der Bundesrepublik verantwortlich sind. Auch wenn bisher an den Hochschulen selbst kaum von ausländerfeindlichen Übergriffen berichtet worden ist, stellt sich für ausländische Studierende, sobald sie die Hochschulgebäude verlassen, die Situation wie für jeden anderen ausländischen Mitbürger dar. Deutsches Studentenwerk Pressemitteilung