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(1.1.2019) 04
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STUDENTEN

Nr. 4/92 Seite 9

Der Hochschulstudentenrat der TH Ilmenau sandte unserer Redaktion den im folgenden abgedruckten Beitrag zu. Wohl­wissend, daß die Situation an unserer Universität eine andere als in Ilmenau ist, sind wir am Austausch von Informationen auch über unser Bundesland hinaus interessiert. Deshalb kommen wir der Bitte um Ver­öffentlichung hiermit nach, Zum Jahresende besann man sich im Thüringer Ministerium für Wissenschaft und Kunst(TMWK) mal wieder der Prinzipien zentra­listischer Führung. Ungeachtet der Tatsache, daß diese Herangehens­weise einem anderen Gesellschafts­system zugeschrieben wird, ging man seitens des TMWK daran, die Thüringer Hochschullandschaft zu gestalten. All jene, die es für­derhin betreffen würde, saßen währenddessen im guten Glauben an die Heiligkeit der Autonomie der Hochschulen unterm Weih­nachtsbaum und fristeten ihr Da­sein mit der Verdauung des Gän­sebratens.

Still und heimlich wurde also in jenen Tagen der Rektor der Hoch­schule für Architektur und Bau­wesen in Weimar vom Dienst suspendiert(näheres erfrage der geneigte Leser bitte dort) und auch die Technische Hochschule Ilme­nau zum Zielpunkt der subversi­ven Tätigkeit der Regierungsge­waltigen. Eine Hochschule mit knapp 3000 Studenten und im­merhin etwas mehr als 1000 Mit­arbeitern muß zwangsläufig dem Landesfinanzsäckel ein Dorn im

Auge sein und provoziert gerade­zu ministeriellen Aktionismus. Man bedenke: an den Lehreinrichtun­gen der ZAL(sprich:Zehn Alten Länder) genießen vergleichswei­se mehr Studenten, angeleitet von wesentlich weniger Lehrpersonal, dafür aber in zum Brechen ange­füllten Hörsälen ihr Recht auf

Bildung. Per Erlaß kehrte man also den in langwierigen Verhandlungen

zwischen Hochschule und Mini­sterium ausgehandelten Kompro­miß vom 05. 12. unter den Tep­pich und strich, strategisch wie

inkompetent, wild im Personal­strukturplan der THI herum. Fi­nanzsäckel und Rotstift einigten sich darauf, daß künftig von 100 Mitarbeitern nur noch 20 unbefri­stet tätig sein dürfen. Anfang Dezember waren es noch 40. Des weiteren wurde der Hochschule die unermeßliche Gnade zuteil, statt 160 ganze 263 Stellen zu sperren. Schließlich bestand der strategisch denkende Rotstift auf der Strei­chung von drei Professuren nebst

Mensch ärgere mich nicht!

Ausstattung, wovon am 05. 12. 91 mitnichten die Rede war.

Die friedlich verdauende Weltöf­fentlichkeit ahnte von all dem nichts. Was Wunder also, daß sie vor der Herrlichkeit des TMWK schier erblaßte, als sie im neuen Jahr an die Stätte ihres Wirkens zurück­kehrte.

Zum Bedauern der übergroßen Mehrheit der Hochschulöffentlich­keit fehlte dem Erlaß jeglicher Hinweis auf die Gestaltung des Lehrbetriebes in posterläßlicher Zeit. Ein überfüllter Hörsaal für ein ganz normales Mathematikse­minar statt überfüllter Seminar­

/ räume nette Vision. Wer denkt

da nicht gern an die Zeit seiner Kindheit und das Märchen vom guten Westonkel zurück und hofft auf weitere Hörsäle, selbstredend gesponsort vom regierungsgewal­tigen BesserWessi? Scharfsinni­ge Denker werden die Folgen für ganze Studienrichtungen sicher sofort erkannt und ihre wissen­schaftlichen Projekte in den Wind geschrieben haben. Wozu auch wertvolle geistige Tätigkeit in offensichtlich veraltete Ingenieur­technik investieren, wenn am Horizont bereits das viel innovati­vere Steinbeil erstrahlt und der Jäger'90 behutsam ausgedehnte Wolkenfelder pflügt.

Nun haben Erlässe die unange­nehme Eigenschaft, in Kraft zu treten, sobald sie im nächsten Amtsblatt erscheinen. Mit der gebotenen Eile erreichte die Hoch­schulleitung für den 16. 01. einen neuen Verhandlungstermin mit den Vätern jenes wegweisenden Mach­

werkes. Die Studies hingegen begannen, sich in Außerparlamen­tarismus zu üben und bereiteten einen Streik vor, dessen Länge von den Verhandlungsergebnis­sen abhängen sollte. Am 15. und 16. 01. stieg dann der Streik, Stu­dentenvollversammlung, Meetings, Streikcafe, Streikradio(sonst Hoch­schulfunk) und leere Hörsäle in­clusive. Hinter uns die interessier­te Presse und Sympathisanten aus den Kreisen der Mitarbeiter und Professoren. Derart motiviert begaben sich unsere kompetente­sten Vertreter, Rektor und Deka­ne, auf den Basar für Hochschu­langelegenheiten. Nach einem halben Tag intensiven Feilschens traf man sich ungefähr in der Mit­te: 30 befristete auf je 100 Mitar­beiter, 40 von geforderten 59 Ent­sperrungen und die Zurücknahme von zwei der drei Streichungen. Die Aufteilung der bleibenden Stel­lensperrungen ging in die Hand der THI über. Alles in allem ein Erfolg. Übrigens sagte man uns kurz vor Streikende, daß der Erlaß mitnichten Gesetz hätte werden sollen, sondern lediglich einen Versuch darstellte, wieweit man gehen könnne. Eh ich's vergesse: Man hat einen Namen: Herr Brans, Staatssekretär im TMWK seines Zeichens. Es lohnt sich also noch, für die Autonomie unsererselbst zu kämpfen, und manchmal macht das sogar Spaß.

StuRa der THI

Deutsches Studentenwerk gegen Ausländerfeindlichkeit

Angesichts der aktuellen Ausschrei­tungen gegen ausländische Mit­bürger in der Bundesrepublik hat das Deutsche Studentenwerk (DSW) zwei Plakate neu aufge­legt:

Es handelt sich um die Plakate Berührungspunkt Studium von Rainer Sponholtz sowieAlle Menschen sind Ausländer von Anne Wild, die aus dem 2. Plakat­wettbewerb des Deutschen Stu­dentenwerks aus dem Jahre 1987/

88 stammen. Sie werden an die Studentenwerke, die Hochschulen und an die Hochschulstädte ver­sandt. Das DSW hofft, mit den Plakaten Denkanstöße zu vermit­teln, Vorurteile abzubauen und Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen der ausländischen Mitbürger aufzubrechen.

Die Kultusministerkonferenz hat am 10./11. Oktober 1991 in einer Erklärung zur Ausländerfeindlich­keitalle Institutionen im Bil­

dungs-, Wissenschafts- und Kul­turbereich aufgerufen, zur Über­windung der Ausländerfeindlich­keit ihren Beitrag zu leisten. Das DSW unterstützt diesen Appell mit Nachdruck: Nach seiner Auffas­sung haben die Hochschulen eine besondere Verpflichtung zur Auf­klärung und zur Verteidigung von Humanität, Toleranz und Men­schenrechten. Das gilt auch für die Institutionen im Hochschulbe­reich, die für mehr als 100 000

ausländische Studierende in der Bundesrepublik verantwortlich sind. Auch wenn bisher an den Hochschulen selbst kaum von ausländerfeindlichen Übergriffen berichtet worden ist, stellt sich für ausländische Studierende, sobald sie die Hochschulgebäude verlas­sen, die Situation wie für jeden anderen ausländischen Mitbürger dar. Deutsches Studentenwerk Pressemitteilung