Heft 
(1.1.2019) 08
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Nr. 8/92 Seite 8

EXPEDITION

Hmm, so'n Schmuddelwetter hüt weder mol..., brummt der bärtige Seemann neben mir in plattdeut­scher Redensart und weist auf die graue See hin.

So begegnet die Nordsee den mei­sten Fahrensleuten nämlich ungemütlich und grau in grau. An den folgenden Tagen sollte ich schließlich noch mehr davon ken­nenlernen, wobei es zur Abwechs­lung auch des Öfteren mächtig stürmte.

Bei Windstärke 9 hieß es dann: Nordsee ist Nordsee!

Doch die Seeleute konnten das Landei, welches ich war, zur Entledigung der Übelkeit an der Reling. nicht überreden. Und so

hatte man als nicht seekrank| Werdender bei ihnen schon ge­

wonnen. Vom Atlantik her mach­te sich häufig eine kräftige Dü­nung bemerkbar. Dann waren Wellen von ca. 67 m Höhe keine Seltenheit. Dennoch wurde für mich ein Traum wahr.

Lange zuvor hatte ich mir schon oft ausgemalt, einmal auf einem Forschungsschiff an einer mee­resbiologischen Expedition teilneh­men zu können. Ich bewarb mich für die Semesterferien ganz ein­fach bei der Biologischen Anstalt Helgoland in der Zentrale in Hamburg und hatte Glück. Man suchte noch einen studentischen Assistenten für eine vierwöchige Expedition mit dem Forschungs­schiffHEINCKE*. So erfüllte sich mein Traum.

DieHEINCKE* ist ein sehr modernes Forschungsschiff, das allen Anforderungen der multidis­ziplinären Meeresforschung, ganz besonders der ökologischen Mee­resüberwachung, gewachsen ist. Helle und geräumige Naß- und Trockenlaboratorien stehen den Wissenschaftlern zur Verfügung und ermöglichen ein den Umstän­den entsprechend angenehmes Arbeiten. Durch ein spezielles Sondensystem können ständig die aktuellen Werte von Salzgehalt, Windgeschwindigkeit, Lottiefe usw. vom Monitor abgelesen und in die wissenschaftliche Arbeit einbezogenen werden. Ein Echo­lotschirm zeichnet die Struktur des

Träume werden wahr!

Student beteiligte sich an einer Nordsee-Forschungsexpedition

Meeresbodens mit seinen Untie­fen auf, auch Fischschwärme werden sichtbar gemacht. Umfang­reiche Windensysteme, Kranan­lagen sowie das Fischereigeschirr ermöglichen einen vielseitigen Einsatz.

Vor Fahrtantritt, als das Schiff noch im Hafen lag, wurde besonderer Wert darauf gelegt, das, was nicht niet- und nagelfest war, anzubin­den, festzuschrauben und einzu­

Unser Autor mit einem 50-Pfund­Kabeljau, einem der größten und wirtschaftlich bedeutungsvollsten Raubfische der Nordsee

keilen, damit bei Seegang auch alles weitestgehend an seinem vorgesehenen Platz bleiben konn­te. Die Mikroskope und Binokula­re wurden mit Schraubzwingen dingfest gemacht. Die Computer, ja sogar die Kaffeetassen erhiel­ten einen klebrigen, kaugummiähn­lichen Kitt an der Unterseite, um standfest zu bleiben.

Dann endlich am 25. Februar bei Einbruch der Dunkelheit hieß es: Leinen los wir stechen in See! Schon bald war von Cuxhaven nur noch dieKugelbake*, ein uraltes erleuchtetes Seezeichen, sichtbar, welches auch bald in der Ferne erlosch.

Trotzdem die Nordsee wohl eines der am besten untersuchten Mee­resgebiete ist, sollte die Expedi­tion in den kommenden Tagen und Wochen neue wertvolle Daten für die ökologische Meeresüberwa­chung liefern. Hierbei wurde das Hauptaugenmerk auf Mißbildungs­raten von pelagischen Fischem­

bryonen als Folge von Umwelt­schadstoffeinwirkungen gelegt, wovon bisher nur wenig genau bekannt ist. Untersucht werden sollten ausgedehnte Bereiche der Nordsee bis zum Atlantik in nörd­licher sowie bis zum Übergang zum Englischen Kanal in südli­cher Richtung. Dabei wurde die Nordsee ratenweise abgefahren und alle 18 Seemeilen Station gemacht. Derartige Untersuchungen sind integrierter Bestandteil eines EG­Projektes, wobei man annimmt, daß Umweltschadstoffe wie Pe­stizide(PCB, Lindan und andere Organochlorverbindungen) und Schwermetallverbindungen auf Mißbildungsraten der Nordsee­fischembryonen einen großen Ein­fluß haben. Es ist bereits bekannt, daß ein gewisser Anteil der Miß­bildungen auf natürliche Einflüs­se zurückzuführen ist, wie z. B. auf schwankenden Salzgehalt etc. Dennoch ist der Einfluß von Umweltschadstoffen in der Nord­see sicher nicht mehr zu leugnen. Dahingehend waren besonders die Küstengewässer und die Flußmün­dungen wie die des Rheins, der Elbe, Weser sowie der Themse als kritische Bereiche von Interesse, aber auch die vielen Bohrinseln des Schelfgebietes, die man sich niemals so zahlreich vorgestellt hätte.

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Gefischt wurde mit großen Calco­fi-Planktonnetzen(1 m Durchmes­ser und ca. 5 m Länge) von der Wasseroberfläche bei einer Fahrt­geschwindigkeit von 1-2 Knoten. Die erhaltenen planktischen Fisch­embryonen wurden danach im Labor artgerecht bestimmt, das Ent­wicklungsstadium sowie die Form der Mißbildung festgestellt und per Computer registriert und aus­gewertet.

Neben der Planktonfischerei er­folgte auch das Fischen mit dem Grundschleppnetz. Hierbei trat die gesamte Vielfalt der Nordsee- und Nordatlantikmeeresfauna erst so richtig in Augenschein und ließ das Herz eines interessierten Meeresbiologen höher schlagen. Faustgroße Islandmuscheln sowie Wellhorn- und Spindelschnecken, See- und Sonnensterne, Seespin­nen, Kaisergranate(hummerähn­liche Krebse), auch Rochen, gro­ße Kabeljaue und Seewölfe(Fi­

sche mit gewaltigem Gebiß) wa­

ren im Netz. Viele dieser Tiere wurden für das Aquarium der Biologischen Anstalt auf Helgo­land vorgesehen und mußten, damit sie keinen Schaden nahmen, so schnell wie es ging in vorbereitete große Aquarienbehälter und Trans­portwannen gesetzt werden.

Fortsetzung S. 9

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