STUDENTEN
Nr. 9/92— Seite 9
„Zweifel, Frust, Lüge und Versöhnung?“
„..., Menschen, die ich mich nicht zu fragen traue, wie sie damit leben können, die Ideale von Generationen auf dem Gewissen zu haben...“, sagte der Student und meinte jene Lehrkräfte, die sich sicherlich nicht angesprochen fühlen.„Warum stopft man uns mit sinnlos viel Stoff voll, warum prügelt man uns den letzten Rest Kreativität aus dem Leibe, warum raubt man mir im Praktikum den letzten Spaß an der Wissenschaft, warum darf mir mein Studium keinen Spaß machen?“ Ich goß nach.„...und dann verbringst du
als Studierendenvertreter(welch schöner Name!) Stunden damit, irgendwelche Termine bei Universitäts-, Studentenwerks-, Ministeriums- oder Bundesbürokraten einzurühren und manchmal sogar zu bekommen, bei denen sich dann rausstellt, daß sie einem alle furchtbar gut gesonnen sind und gern etwas tun oder entscheiden würden, aber aus diesem, jenem oder einem anderen Grunde nicht können oder dürfen. Und dann sitzt der dumme Student da mit roten Ohren und spürt hinter allem den Vorwurf, doof, faul, arrogant und
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habgierig zu sein. Wenn dann nach 3 Stunden wieder nichts erreicht ist, fragt man sich, warum man nicht lieber die Zeit genutzt hat, sich an einer Aufgabe zu erfreuen. Irgendwann steht man dann vor der Entscheidung, ob man Schwafelprofi wird oder sich an seine
Wissenschaft hält. Wenn aber Demokratiewahrnehmung mit Dummheit bezahlt werden muß, dann ist etwas faul an der Demokratie.“ Der letzte Schnaps für heute würde ihn wenigstens gut schlafen lassen...
W. M.
„Studenten von heute fressen Probleme in sich hinein“
Der Student von heute leidet unter wachsender Orientierungslosigkeit an der Uni; im Gegensatz zur 68erGeneration sieht er kaum noch eine Chance, etwas an der Gesellschaft zu verändern. Bei nicht wenigen Studenten entstehen so Mutlosigkeit und Resignation, einige ziehen sich in PhantasieWelten zurück, vereinsamen und wagen auch angesichts von Wohnungsnot, Finanznöten und drohender Arbeitslosigkeit immer seltener die Abnabelung vom Elternhaus— die Selbstfindung und Entwicklung einer eigenen Identität wird immer schwieriger.
Dabei aufkommende Aggressionen finden im Gegensatz zur 68er
RE‘
Zeit nicht mehr in lautstarken Protesten und Widerstandsaktionen ihr Ventil, sondern werden nach innen gerichtet, in sich hineingefressen. Das Resultat: Immer mehr Studenten geraten in eine Krise, in der psychische Konflikte nicht selten in schwere Störungen umschlagen. Mit diesen Ergebnissen psychologischer Forschungen an der Gesamthochschule Kassel(GhK) haben sich bis gestern Wissenschaftler auf einer Tagung in der GhK auseinandergesetzt.
Für die Initiatoren, die Professoren Eugen Mahler und Marianne Leuzinger-Bohleber— sie haben zwei Jahre lang die psychischen
Konflikte und die Hochschulstruktur von 1968 und heute verglichen—, gibt es keinen Zweifel: Die gegen alle Autoritäten ankämpfenden 68er-Studenten sind mit psychischen Problemen besser fertig geworden als Studierende heute.
Damals,„als von der Hochschule noch Impulse für die Gesellschaft ausgingen und als ein revolutionäres Wir-Gefühl die Studenten vereinte“‘, hätten Kommilitonen mit psychischen Problemen immer noch Rückhalt gefunden und sich offen in Gruppen ausgetauscht, so Leuzinger-Bohleben.
Dagegen tendierten Studenten, die heute ein„Auf-mich-kommt-es
Aus der Mark Brandenburg in alle Welt.
ELPHIN
SEN
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doch-nicht-an“-Gefühl entwickelten, zur Abkapselung...
Anmerkung: Dieser nachgedruckte Beitrag aus der„Berliner Morgenpost“ vom 27. 4. 1992 wirft die Frage auf: Treffen die in Kassel gemachten Feststellungen auch auf die Studierenden an der Universität Potsdam zu? Wenn nicht, sollte dem widersprochen werden. Jedenfalls sind alle Studentinnen und Studenten aufgerufen, sich dazu in der PUZ zu artikulieren und Stellung zu dieser Einschätzung zu beziehen.
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