Nr. 16/92— Seite 6
VORGESTELLT
Psychologischer Ansatz in der Fachdidaktik
Interview mit Dr. Dagmar Klose(FB Geschichtswissenschaften)
Frau Dr. habil. Dagmar Klose nahm den von Minister Enderlein am 24. August 1992 erteilten Ruf auf eine C4-Professur an die Universität Potsdam für den Lehrstuhl Geschichtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Didaktik der Geschichte an. Sie ist außerdem im Vorstand der Konferenz für Geschichtsdidaktik. Wir führten mit ihr folgendes Gespräch.
PUZ: Als Frau und Ostdeutsche stellen Sie im Reigen derjenigen, die bisher einen Ruf an unserer Universität erhielten, eine Ausnahme dar. Sagen Sie bitte kurz etwas zu Ihrem Werdegang!
D. K.: Ich habe einen typischen DDR-Lebenslauf. Nach meinem Studium Germanistik/Geschichte von 1964-1968 an der damaligen Pädagogischen Hochschule lehrte ich 10 Jahre an einer Potsdamer Schule. Danach ging ich an die Hochschule zurück, in den Bereich Geschichtsmethodik.
PUZ: Mit welchen Forschungsaufgaben beschäftigten Sie sich?
D. K.: Zwei Langzeitversuche zur Genese von Geschichtsbewußtsein bei Kindern und Jugendlichen im Prozeß historischen Lernens gehörten zu meinem Forschungsgegenstand. In diesem Zusammenhang habe ich mit Potsdamer Lehrerinnen gearbeitet und eine Klasse von Stufe 5 bis 10 sowie eine von 5 bis 7 in
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einem forschungsgebundenen Unterricht begleitet. Im Bemühen, die Befunde zu interpretieren und Optimierungsvarianten zu unterbreiten, wurden interdisziplinäre Fragestellungen notwendig. Diese wiederum führten zu einem psychologischen Ansatz in der Fachdidaktik. Diese, seit etwa 20 Jahren in der BRD vernachlässigte Sicht, bringe ich in die Wissenschaftsdisziplin ein. Wie bekannt, wechselte die Geschichtsmethodik der DDR 1990 ihr Türschild aus und nannte sich Didaktik. Die damit verbundenen inhaltlichen Ansprüche sind recht hoch. Ich denke jedoch, daß ein Teil der Forschungsarbeiten zum Geschichtsbewußtsein seit Mitte der 70er Jahre, in denen meine Forschungsrichtung wurzelt, bereits didaktikscher Natur war, also über den engen methodischen Rahmen hinausging. Dies trifft auch zu für die gegenwärtig reifenden Dissertationen.
PUZ: Welche Forschungsvorhaben wollen Sie mit Ihren Mitarbeiterinnen in Zukunft realisieren?
D. K.: Anknüpfend an meine bisherigen Studien habe ich für ein geplantes Projekt mit kooperativem und interdisziplinärem Charakter bereits die Zusage einiger namhafter Wissenschaftler auch aus den alten Bundesländern. Wir(damit meine ich das gesamte Team der Geschichtsdidaktik) möchten die sich vollziehenden Veränderun
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gen inhaltlicher Ausprägungsmerkmale von Geschichtsbewußtsein seit Mitte der 70er Jahre auch weiterhin untersuchen. Das untersuchungsmethodisch komplizierte Erfassen der Genese und der Struktur von Bewußtseinsinhalten wollen wir mit der Analy
se von Feinstrukturen historischen Lernens unter den gegebenen soziokulturellen Bedingungen verbinden. Parallel dazu sollen die Ergebnisse als experimenteller Faktor für Langzeituntersuchungen Anwendung finden. Letztlich möchten wir damit einen Beitrag leisten, dem Geschichtsunterricht eine Lern- und Entwicklungsstruktur zu geben. PUZ: Worin sehen Sie die Spezifik Ihres Ausbildungsgegenstandes?
D. K.: Die Spezifik unseres Gegenstandes ist in erster Linie von der Geschichtswissenschaft geprägt und erfährt von der geschichtswissenschaftlichen Forschung entscheidende Impulse. Daher ist es auch sachlich gerechtfertigt, daß der Lehrstuhl Didaktik der Geschichte in das Institut für Geschichte integriert ist. Ich möchte betonen, daß wir im Unterschied zu der vielfach beklagten Unterschätzung der Geschichtsdidaktik in den alten
Bundesländern als gleichberechtigt akzeptiert werden.
Den so wichtigen Theorie-Praxis-Bezug in der geschichtsdidaktischen Ausbildung wollen wir auf unterschiedlichem Niveau beibehalten. Die Intentionen des Potsdamer Modells der
Foto: Eckardt
Lehrerbildung nehmen wir sehr ernst. Gegenwärig praktizieren wir einen Grundkurs, bestehend aus Vorlesungen, Seminaren und Studienbegleitenden Schulpraktischen Studien(SPS). Die SPS können insofern studienbegleitende Bedeutung erhalten, da die Studenten hier sehr komplexe Anforderungssituationen wahrnehmen, davon ausgehend ein zum Teil beachtliches Problembewußtsein entwickeln, das es ihnen erleichtert bzw. sie motiviert, die Theorie kritisch zu reflektieren und sich selbst auszuprobieren. Wir würden diesen integrativen Kurs in der Perspektive gern weiterentwickeln, indem wir Themen und Lehrkräfte aus angrenzenden Wissenschaftsdisziplinen einbeziehen. Darüber hinaus unterbreiten wir im Sommersemester wahlweise spezifische Angebote und Projekte. Es fragte Dr. Barbara Eckardt.