VORGESTELLT
Nr. 16/92— Seite 7
Befähigung zu eigenständiger Arbeit ist das Wichtigste
Zu den wenigen DDR-Wissenschaftlern, die bisher einen Ruf an die Universität Potsdam erhielten, gehört die 49jährige Juristin Dr. habil. Marianne Andrae. Den Ruf auf einen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung hat sie angenommen und wird damit die einzige Frau mit einer C4-Professur an der im Januar 1991 gegründeten Juristischen Fakultät der Universität Potsdam sein. Marianne Andrae absolvierte von 1961 bis 1965 ein Jurastudium an der Humboldt-Universität zu Berlin und blieb dort als Assistentin. Lehraufgaben nahm sie im Bürgerlichen Recht wahr, Forschungen betrieb sie auch zum Internationalen Privatrecht unter Leitung des bekannten Privatrechtlers Dr. Horst Wiemann. Für die Fortführung ihrer Arbeiten zum Internationalen Privatrecht bestanden an der Humboldt-Universität keine Möglichkeiten, und so wechselte sie 1970 an das drei Jahre zuvor gegrün
dete Institut für internationales Recht und Rechtsvergleichung, das zur Babelsberger Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR gehörte. Hier promovierte sie mit einer Dissertation zum internationalen Arbeitsrecht und habilitierte sich 1976 mit einer Arbeit zu Rechtsfragen internationaler Wirtschaftsorganisationen im RGWBereich.
Hauptarbeitsgebiete in den folgenden Jahren waren das internationale Unternehmens- und Kooperationsrecht, das Internationale Privatrecht und die Rechtsvergleichung zum Handels- und Wirtschaftsrecht. Ihre Forschungsergebnisse dienten u. a. der Vorbereitung von Stellungnahmen der DDR zu internationalen Abkommen sowie zur Unterstützung der Außenwirtschaftspraxis.
M. Andrae unterrichtet gern und schätzt den unmittelbaren Kontakt zum Studenten.„Ob der Stoff verstanden wurde, merkt man am besten in Übungen." Aber wie
eigentlich alle Juristen aus den neuen Ländern, ist sie Lehrende und Lernende zugleich. Sieben Semesterwochenstunden Vorlesung und noch„Aushilfe" an der TU Cottbus erfordern intensive Arbeit, die sie mit der sie auszeichnenden Disziplin bewältigt. Als wichtigstes Ziel bei der Ausbildung von Jurastudenten nennt sie die Befähigung zu eigenständiger Arbeit.„Man kann nicht alle Einzelheiten kennen, aber das Wesen der Rechtsinstitute muß man verstehen."
Foto: Derdack
"Ihren Lehrstuhl" wird sie auf das Internationale Privatrecht ausrichten, was die Rechtsvergleichung einschließt. Aus mehreren Gründen erscheint ihr die Rechtsvergleichung osteuropäischer Länder sinnvoll.— Angetragen wurde ihr auch der Vorsitz im Verwaltungsrat des Studentenwerkes Potsdam. In diesem Gremium sind ihre juristischen Kenntnisse gefragt, und sie will sich dieser Aufgabe stel
len. R.D.
Bemühungen um Zusatzstudiengang
Hauptsächlich für Absolventen traditioneller geisteswissenschaftlicher Studienrichtungen sowie der Mathematik und Informatik befindet sich ein Zusatzstudiengang„Sprach- und Wissenstechnologie" an unserer Universität in Vorbereitung.
Eingereicht wurde die Konzeption des Modellversuchs im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur(MFK). Als Projektleiter fungiert Prof. Dr. Wolf Paprotte, Arbeitsbereich Linguistik der WilhelmsUniversität Münster. In der das Vorhaben begleitenden Arbeitsgruppe wirken auf Grund seines integrierenden Charakters Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche, so Dr. E. Berner (FB Germanistik), Dr. W. Finke (FB Romanistik), Prof. J. Gor
desch(„Rechenzentrum" Babelsberg), Dr. R.-R. Lamprecht(FB Slavistik) und Dr. H. Walter(FB Anglistik und Amerikanistik).
Inhalt dieses Angebots ist die Einbeziehung der Informationsund Kommunikationstechnologie für die Sprach- und Wissensverarbeitung in geisteswissenschaftliche Ausbildungsgänge. Im Moment ist eine Studiendauer von vier Semestern geplant.
Ausgangspunkt für diese Überlegung ist die Tatsache eines diesen Bereich betreffenden Mangels an qualifizierten Arbeitskräften auf dem Markt. Schätzungen gehen von einem Fehlbedarf von mehr als 10 000 informationstechnologisch qualifizierten Arbeitskräften und Informatikern pro Jahr in Deutschland bis weit ins nächste Jahrtau
send aus. Und das, während in allen Anwendungsbereichen der Informationsgesellschaft die „Intelligenz der eingesetzten Werkzeuge mit dem Maß und der Qualität der simulierten Sprachfähigkeit, der Menge und Komplexität des repräsentierten Wissens steigt und während Informationstechnologie-Anbieter zunehmend wissens- und sprachbasierte Produkte anbieten. Ähnlich wie in der Mathematik wird die Informatik nun auch in den Geisteswissenschaften unverzichtbares Qualifikationselement.
Mit dem geplanten Modellversuch wird beabsichtigt, den Bedarf an„doppelt qualifizierten" Fachleuten abzudecken, neue Qualifikationsprofile zu schaffen, traditionelle philologi
sche Ausbildungsgänge zu modernisieren und die„reine" Informatikausbildung mittelfristig fachbezogen anzureichern. Nach einigen technisch-organisatorischen Vorbereitungen könnte von seiten der Initiatoren des Studienganges im Oktober 1993 der Lehrbetrieb beginnen. Noch gibtes jedoch aus verschiedenen Gründen Widerstände innerhalb der Universität.
Bleibt zu hoffen, daß man sich im Interesse der Sache einigt und die vorhandenen Vorstellungen in geeigneter Weise umsetzt. Warum sollten entsprechende Ressourcen nicht genutzt werden— eine plausible Antwort hierauf steht aus.
P. Görlich