COMPUTER
|Die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften hat es ermöglicht, daß die Max-Planck-Arbeitsgruppe „Nichtlineare Dynamik‘‘ an der _ Universität Potsdam eine CRAY Y-MP EL anschaffen konnte. | Das ist der erste Superrechner an | der Universität und darüber hin| aus in den Neuen Bundesländern überhaupt. Die CRAY wurde am 8. Dezember 1992 mit einer feierlichen Einweihung, zu der zahlreiche Prominenz, u.a. der Direktor des MPI für extraterrestrische Physik in Garching, Prof. Dr. G. Morfill, als Gäste teilnahmen, offiziell in Betrieb genommen. Supercomputer, die die renommierte Firma CRAY seit etlichen Jahren herstellt, sind Hochleistungsrechner, die im Unterschied zu linearen Rechnern(PC, Workstations) Vektor-Operationen besonders effektiv implementieren. Dadurch wird eine Beschleunigung der Rechengeschwindigkeit etwa um das 1Ofache erreicht. Vektorrechner unsere CRAY ist eine moderne Entwicklung dieser Art— sind
Nr. 19/92— Seite 7
Mit dem Supercomputer zum/ins Chaos
heute ein unverzichtbares Hilfsmittel, nichtlineare Prozesse zu untersuchen.
Nichtlineare Systeme, die man überall in Natur, Technik und Gesellschaft findet, sind durch eine reichhaltige Strukturvielfalt gekennzeichnet: von wohl-geordnetem Verhalten bis hin zu irregulär erscheinenden Formen, dem deterministischen Chaos. Man denke etwa an die zerklüfteten Formen von Wolken, das Mischen von Flüssigkeiten, z. B. Sahne im Kaffee, nichtlineare Oszillatoren oder den Kollaps der DDR und die nachfolgende Strukturbildung. Der geniale französische Mathematiker H. Poincare erkannte bereits um 1900, daß in nichtlinearen Prozessen die starke Kausalität nicht gilt, d. h. kleine Ursachen vermögen große Wirkungen hervorzurufen. Doch es vergingen mehr als 50 Jahre, bis dieser Bruch mit dem traditionellen Denken von den Wissenschaftlern aufgenommen wurde, sie einsahen, daß rein deterministische Systeme häufig nicht langfristig vorhersagbar sind.
Computerexperimente werden wegweisend benutzt, um strukturbildende Ordnungsprinzipien in irregulären Erscheinungen zu erforschen. Mit den großen aber langsamen Computern, die mir in den 80er Jahren zur Verfügung standen, habe ich spezielle nichtlineare Zusammenhänge in astrophysikalischen Messreihen, z. B. zur Sonnenaktivität, gefunden. Untersuchungen zu physikalischen Modellen, die diese Prozesse beschreiben, konnten damit jedoch nicht durchgeführt werden. Unsere jetzige Ausstattung ermöglicht nun diesen wichtigen Schritt.
Von den Problemstellungen, die wir mit Hilfe des Supercomputers bearbeiten wollen, seien erwähnt:
1. Es soll die Strukturbildung in hydromagnetischer Turbulenz, die man in Sternatmosphären oder im Erdmantel beobachtet, untersucht werden. Von besonderer Bedeutung ist die weitgehend ungeklärte Frage, warum in turbulenten Systemen langlebige kohärente Strukturen, z. B. Wirbel, auftreten und wie sie
Einweihung der CRAY Y-MP EL in der Universität
zerfallen. Diese Aufgabenstellung behandeln wir arbeitsteilig mit Wissenschaftlern der Universitäten von Minneapolis und St. Andrews, dem Observatorium Nizza und dem Astrophysikalischen Institut Potsdam.
2. Eine besondere Herausforderung für die Chaosforschung findet sich in der Medizin. In Zusammenarbeit mit dem MaxDelbrück-Zentrum für Molekulare Medizin und der FranzVollhard-Klinik in Berlin sowie der Universität Saratov wollen wir versuchen, Methoden der nichtlinearen Dynamik zur Analyse von EKG-Serien anzuwenden, um Risikopatienten für den plötzlichen Herztod zu identifizieren,
Unser besonderes Anliegen ist natürlich eine schnelle Integration in den Fachbereich Physik und das geplante interdisziplinäre Zentrum für nichtlineare Dynamik an der Universität Potsdam. Auch sollen alle interessierten Studenten die Möglichkeit erhalten, an diesem Stück Hochtechnologie ausgebildet zu werden. Dr. Jürgen Kurths
Grußwort des Ministers H. Enderlein
Sehr verehrte Anwesende,
zur heutigen Einweihung des Rechners Cray, der in Potsdamer Wissenschaftskreisen schon liebevoll„Supercomputer““ genannt wird, begrüße ich Sie herzlich. Mein besonderer Dank gilt am heutigen Tag der Max-PlanckGesellschaft und ihrer Arbeits&ruppe„Nichlineare Dynamik“ unter Leitung von Dr. Kurths, durch deren vorbildhaften EinSatz ein Computer mit der LeiStungskraft einer CRAY für die Universität Potsdam gewonnen werden konnte. Sie leistet damit einen markanten Meilenstein beim Aufbau der Universität Potsdam.
Mit dem Rechner hält ein Hochtechnologiesystem im Land Brandenburg Einzug, das die Untersuchung komplexer Probleme in der Astrophysik bis hin
zur Untersuchung des HerzKreislauf-Systems ermöglicht, die als Aufgaben vor der Arbeitsgruppe für„Nichtlineare Dynamik“ stehen.
Wie wichtig dieses Gerät für die Ausbildung unserer Studenten ist, brauche ich in diesem Kreise nicht weiter auszuführen, denn wir können nunmehr technisches Equipment an der Universität Potsdam bieten, das in den Neuen Bundesländern als einzigartig zu bezeichnen ist.
Ich denke, daß die wissenschaftliche Reputation der Universität dadurch einen großen Schub erhält. Namhafte Wissenschaftler aus dem In- und Ausland haben schon jetzt den Wunsch geäußert, mit der Arbeitsgruppe zusammenzuarbeiten und Erfahrungen auszutauschen, dies gilt nicht nur für Interessenten der
University of Minneapolis, St. Andrew und des Observatoriums in Nizza, sondern auch für Wissenschaftler aus Osteuropa, für die ich stellvertretend die Technsiche Universität LödZ und die Lomonossov-Universität Moskau nennen möchte. Auch in einer Zeit, in der Investitionsmittel für die Forschung nicht nur in den Neuen Ländern immer spärlicher fließen, kann die Unviersität Potsdam in einem weiteren Bereich der Spitzenforschung trotz der Jugendlichkeit ihres Alters auswärtigen Wissenschaftlern ein attraktives Angebot machen und ist damit nicht nur ein Bittsteller.
Die Existenz dieses Rechnersystems wird auch bei der Vergabe weiterer Fördermittel eine wichtige Rolle spielen, da uns nunmehr im Bereich der Nichtlinea
ren Dynamik das Fehlen der erforderlichen Spitzentechnologie nicht mehr vorgehalten werden kann.
Diese Leistung der Universität erfüllt mich, als den für die Forschung in Brandenburg verantwortlichen Minister der Landesregierung, mit Stolz.
Sie geben den vielfach belächelten Wissenschaftlern in den Neuen Bundesländern neues Selbstvertrauen, das sie brauchen können, um den harten Kampf des internationalen Wettbewerbs der„scientific community““ bestehen zu können.
Ich wünsche Ihnen bei der Arbeit mit dem neuen Computer alles Gute und große wissenschaftliche Erfolge im nationalen und internationalen Maßstab!