Nr. 20/92— Seite 8
PROJEKT
Interdisziplinäre Forschungsarbeit— Bilanz eines Jahres
Wir haben nur die eine Erde. Aus dieser zunächst banal anmutenden Erkenntnis resultiert jedoch, daß die Nutzungsvielfalt unserer Lebensräume, die wachsende Anzahl von Konfliktfeldern zwischen den Menschen und ihre Umwelt, zu qualifizierten Problemlösungen, zur Erstellung praxisrelevanter Entscheidungshilfen für mögliche Nutzungskonzepte zwingen.
Die Realisierung dieser Ziele setzt nicht nur die Anwendung eines breiten Spektrums fachspezifischer Arbeitsmethoden der Geo- und Biowissenschaften und eine leistungsfähige chemische Analytik voraus, sondern auch die Einrichtung von Datenbanken, die Entwicklung von räumlichen Informationssystemen sowie Lösungsansätze der Modellierung dynamischer Systeme. Damit ist zunächst nur eine Fülle an Daten geschaffen worden, getrennt nach Fachgebieten und Ressorts.
Jedem ist klar, daß Anamnese, Diagnose und Therapie eines Schwerkranken nicht allein die Sache eines Hausarztes. eines Radiologen, eines Chirurgen oder Anästhesisten sein kann. Die Genesung wird nicht das spezifische Ergebnis eines vertraulichen, seelisch aufbauenden Gespräches, eines kontrastreichen Röntgenbildes, kunstvoller Schnitte und Nähte oder eines komplikationslosen Operationsschlafes- sein.- Sicherlich,- für jeden der beteiligten Spezialisten
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W. SCHAUSS POTSDAM
Inh. Wolfgang Dehmel Staatl. Gepr. Augenoptiker Brandenburger Str. 10 ST 21793
ist es wichtig, sein Arbeitsfeld auszuloten, es weiterzuentwikkeln, sich zu profilieren. Heilungschancen für den Patienten gibt es nur, wenn die Spezialisten Hand in Hand arbeiten, als Team wirksam werden, seine Gesundung als gemeinsames Ziel über die eigenen Interessen stellen.
Diesen Gedanken folgend, fanden sich im Herbst vergangenen Jahres wissenschaftliche Mitarbeiter unserer Universität zusammen, um auf der Basis von Drittmittelprojekten beachtlichen Umfanges interdisziplinär naturwissenschaftliche Probleme zu bearbeiten. Gegenstand ist die Stoffdynamik in Geosystemen, Hauptpartner sind zur Zeit das Landesumweltamt und das Umweltministerium.
Derzeitig beteiligen sich Vertreter aus 6 Instituten bzw. Fachgebieten(Institute für Botanik, für Allgemeine Biologie, für Anorganische Chemie, für Physikalische Chemie, für Physische Geographie und Landschaftsökologie und Abteilung Angewandte Mathematik) sowie, mit besonderem Status, die Forschungsstelle Trebbin. Darüber hinaus bestehen zu einigen Forschungsgruppen der Region Kooperationsvereinbarungen unterschiedlicher Art.
Unter ungeklärten Strukturbedingungen gebildet, ist nach der Überwindung der„Kinderkrankheiten“ und einigen Rückschlägen ein Team entstanden, in dem
jeder der Beteiligten ein spezifisches Arbeitsfeld gefunden hat. Der Gruppe seht jetzt ein leistungsfähiges Arbeitsinstrumentariıum zur Verfügung, welches sie— mit Ausnahme einiger Großgeräte— selbst erwirtschaftet hat. Die Themenbearbeitung trägt sich selbst, zusätzliche Mitarbeiter konnten eingestellt werden. Nach Erstellung einiger Forschungsberichte sind erste Arbeitsergebnisse auf wissenschaftlichen Veranstaltungen im nationalen Maßstab vorgestellt worden. In diesem Jahr soll mit weiteren Resultaten an die Öffentlichkeit getreten werden. Im Meinungsaustausch mit Vertretern ähnlich strukturierter Arbeitsgruppen sprachen diese oft die Schwerfälligkeit und Unübersichtlichkeit interdisziplinärer Arbeit an, klagten über Kompetenzgerangel und „menschliche Blockaden‘“‘; Probleme, welche unser ProjektTeam kaum belasten. Strategische, inhaltliche und organisatorische Sachfragen werden regelmäßig diskutiert, jeder kommt ohne Rücksicht auf eine hierarchische Postion frei zu Wort. Da erwächst schon einmal die Frage, ob nicht überhaupt in der universitären Forschung, wie derzeitig auch im deutschen Wirtschaftsmanagement, und dies reflektieren aktuelle Studien, Flexibilität, Individualität, Kreativität und vor allem Eigenverantwortlichkeit, stärker herausgebildet werden müßten.
Sind nicht gerade diejenigen Unternehmen und Institute, welche nach solch einer„fernöstlichen“ Leistungsphilosophie arbeiten, konkurrenzfähiger geworden? Projekt-Teams, in welchen jeder seine Arbeit als Dienstleistung für seine Kollegen versteht und auch daran gemessen wird, welche ohne das Überstülpen von hierarchischen, zum Teil unflexiblen Kompartimenten agieren, sollten zu dem gehören, was uns der Neuaufbau an Chancen bieet. Sich selbst organisierende Strukturen, welche nach einer notwendigen Konsolidierungsphase sich der Konkurrenz aussetzen müssen, welche flexibel, nach einem Lean-Production-Muster arbeiten, sind als Alternativen zu zeitraubenden Zuordnungskonzeptionen zu verstehen, welche nicht unbedingt die Kreativität aller fördern. Gerade im Hinblick auf die Einbeziehung eines starken akademischen Mittelbaus mit seinen reichen Erfahrungen in der Forschungsarbeit und ihrer Verknüpfung mit Inhalten der Lehre und Ausbildung. Es ist zu hoffen, daß solche Pflänzchen weiter wachsen können, sie und neue Keimlinge nicht Opfer eifernder Hackenschwinger werden. So braucht man dringend notwendigen Optimismus nicht herbeizuadministrieren, sondern er kann sich selbst entwickeln. Dr. O. Blumenstein AG Stoffdynamik
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