Heft 
(1.1.2019) 03
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Nr. 3/93 Seite 8

STUDENTEN

Und doch Ausländerfeindlichkeit!

Als ich den Beitrag des italieni­schen Dozenten Dr. Brunello Mantelli(vgl. PUZ 1/93) las, fragte ich mich zuerst, ob er in der gleichen Stadt Potsdam wohnt, die ich kenne. Er hat of­fensichtlich keine Probleme, kennt nur nette Menschen. In meinen alltäglichen Verhältnis­sen spüre ich unverkennbar schlichte Ausländerfeindlich­keit. Es anders zu nennen, dient nur dazu, diese traurige Tatsa­che zu beschönigen und zu ver­harmlosen. Bis ich 1986 als Austauschschülerin in die Bun­desrepublik kam, ist niemals in Frage gestellt worden, ob ich eineechte Amerikanerin sei. Es fällt vielen: Deutschen schwer, meine indische Her­kunft von meiner Person zu trennen. Dennoch kam ich immer wieder gern nach Deutschland. Besonders die persönlichen Beziehungen, dar­unter ein paar enge Freund­schaften, die zustande gekom­men sind, reizten mich, mich auch im wissenschaftlichen Bereich mit diesem Land zu beschäftigen. Das Fulbright­Jahr in Potsdam hat mir die Möglichkeit geboten, endlich auf längere Zeit im Osten zu wohnen und zu studieren. Ich hätte nie gedacht, daß mein Aufenthalt ausgerechnet durch Ausländerfeindlichkeit so ge­trübt werden könnte.

Im folgendem möchte ich kurz einige mir unlängst passierte Vorfälle schildern:

Bei meiner Bank in Potsdam spürte ich jedes Mal Verach­tung, bis ich meinen amerika­nischen Paß auf den Tisch leg­te. Bei der VW-Werkstatt in Babelsberg spottete man über das kleine indische Mädchen mit dem Klapperauto, statt mich als Kundin ernst zu nehmen. Als ich eines Tages in einem schicken Kostüm erschien, hatte man plötzlich Interesse an mir und bediente mich als Amerikanerin außerordentlich

freundlich und zügig. Ähnli­che Erfahrungen machte ich bei der polizeilichen Meldestelle und in starkem Maße beim Stu­dentenwerk.

In der S-Bahn zwischen Wann­see und Griebnitzsee las ich die Frankfurter Allgemeine. Trotz­dem hielt ein Junge eine auf­geregte Tirade über Ausländer

und sagte zu mir:Du, du bist|

damit auch gemeint, du Tür­kenschwein. Das war gerade bevor sein Kumpel beim To­

ich nach dem zuletzt genann­ten Fall völlig zusammenge­brochen bin, mir meine studen­tischen Mitbewohner nicht glaubten.Du bildest dir was ein.‚Ach Kleines, nimm das nicht so ernst.‚So sind nicht alle Deutschen.

ben mit einem anderen auf mich|

gefallen ist. Die Mütter in dem| Abteil holten ihre Kinder zu| sich, sie sollten nicht dahin|

gucken.

Eines Nachmittags stand ich auf dem Bahnsteig in Babels­berg. Nachdem ich einem Ge­spräch zweier alter Menschen gelauscht hatte, in dem sie ei­ner ebenso wartenden rumäni­schen Familie laut vorgewor­fen hatten, sie verdreckten Deutschland, bin ich vor Angst und Übelkeit zum Wohnheim zurückgekehrt.

Das vielleicht Schlimmste war mir um zwei Uhr nachmittags in Babelsberg passiert. Nach reichlichem Warten war ich endlich an der Reihe, um zu te­lefonieren. Keine zwei Minu­ten später; kam;;eine nicht schlecht angezogene Frau mit zwei Kindern, schimpfte sofort los(mit so einer teuren Tele­fonkarte brauche ich nicht in Deutschland zu sein) und riß kurz darauf schreiend die Tür der Telefonzelle auf. Während ihr Schäferhund schon in die Zelle eingedrungen war und bellte, packte mich die Frau hart an der Schulter und brach das Gespräch ab. Als ich da­vonging, meine Würde zu be­halten versuchend, mußte ich hören, wie unverschämt ich mich benommen habe, da ich selbstverständlich Widerstand geleistet habe. Andere Fälle könnte ich noch hinzufügen. Was wichtiger ist, ist, daß bis

Die Fulbright-Studentin Nata­sha M. Nazareth weilt seit Sep­tember 1992 und noch bis Juli 1993 im Fachbereich Politik­wissenschaft an unserer Uni­versität. Sie ist 21 Jahre alt und hat den Abschluß eines ‚,Ba­chelor of Arts in Germanistik und Vergleichenden Gebiets­studien der Duke University Or­lando, Florida.

Freilich, ja. Ich war selbst mit einer deutschen Familie bei der Berliner Großdemo am 8. No­vember vergangenen Jahres. Ja, Menschen aller möglichen Al­ters- und Einkommensgrup­pen nahmen an dem friedlichen Marsch teil. Aber als sich Ju­gendliche aus der Szene kurz vor der Kundgebung zwischen die Massen gedrängt haben, ließ sich das Publikum in zwei Gruppen teilen. Die eine geriet mit nackter Angst in leichte Panik; die andere sah schaulu­stig zu. Meiner Meinung nach waren manche davon nur mit­läuferisch da, weil da was los war. Nach diesem schreckli­chen Tag habe ich es gar nicht

mehr gewagt, an den Demos in Potsdam teilzunehmen.

Nach und nach hörte ich auf, abends wegzugehen. Auch im Studentenclub bin ich einmal drei kahl geschorenen, Boots tragenden Rechten begegnet, denen die Studenten ängstlich aus dem Wege gingen. Nach und nach fuhr ich immer nach

| Wannsee einkaufen, weil der } Fleischer sich dort bedankte

und die Kassiererin mein Guten Tag erwiderte. So fuhr ich auch eher mit dem Auto

} nach Wannsee, als daß ich in

Babelsberg in die S-Bahn Rich­tung Berlin stieg.

Langsam fragte ich mich, was für eine Alternative mir bleibt; außer zu fliehen, mich aus die­ser Situation ganz zu entfer­nen. Mir wurde klar, daß keiner mich schützt. Es könnte mich auch keiner schützen, selbst wenn er es wollte. Ich bin in­zwischen nach Zehlendorf umgezogen, weil mir die Ge­fahr um meine Person zu groß geworden war, die Angst zu überwältigend. Jetzt komme ich nur noch nach Potsdam, um Veranstaltungen an der Uni zu besuchen, denn in diesem El­fenbeinturm kann ich die Zu­sammenarbeit mit den Politik­wissenschaftlern und dem Aka­demischen Auslandsamt posi­tiv bewerten.

Trotz allem versuche ich, Klar­heit in dieses Gewirr zu brin­gen. Neulich in einem Seminar der Politikwissenschaft stellten wir fest, daß die deutsche per­sönliche Identität eher regional als national bedingt sei. War­um dann diese strenge Abgren­zung von anderen Nationalitä­ten, diese Einteilung nach Spra­che und Aussehen? Wenn ich Zeitung lese und Radio höre, tauchen die neuesten Anschlä­ge auf Wohnheime und Fried­höfe in einer Flut von anderen Themen unter, als wäre das

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