INTERVIEW
Nr. 6/93— Seite 11
Einstein Forum auf dem Wege
Am 3. November vorigen Jahres wurde mit großer internationaler Beteiligung das Einstein Forum in Potsdam gegründet. Der Leitgedanke, internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit durch den Gedankenaustausch von Natur- und Geisteswissenschaftlern an einer der Wirkungs- und Lebensstätten Einsteins, in Potsdam, einen ständigen Platz zu geben, wurde begrüßt von New York über Cambridge, Budapest und Bologna bis Jerusalem. Den schwierigen Part der Gründungsarbeit im Detail hat der 38jährige Amerikaner Gary Smith übernommen. Seit 1986 lebt der promovierte Philosoph in Deutschland. Er war mitbeteiligt an der Einstein-Edition bei Pinceton University Press und gilt als Kenner des Werkes von Walter Benjamin. Der Potsdamer Aufgabe hat er den Vorzug vor einem Lehrauftrag an der Hebräischen Universität Jerusalem gegeben.— Vier Monate nach dem offiziellen Gründungsakt des Einstein Forums sprachen wir mit Gary Smith über den gegenwärtigen Stand der Umsetzung des Vorhabens.
PUZ: Bei der Gründung des Forums war von der Einrichtung ständiger Studiengruppen die Rede. Wieweit ist der Stand der Vorbereitung?
Gary Smith: Dieses Jahr ist noch ein Vorbereitungsjahr, inhaltlich und auch finanziell. Im Zentrum der Aufbauarbeit steht das Gewinnen von Sponsoren und das Einrichten der Studiengruppen. In diesem Zusammenhang existiert eine enge Verbindung mit Wissenschaftlern der Universität Potsdam und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, auch mit der Viadrina und den Berliner Universitäten. Aus diesem großartigen Potential werden wir einige Professoren und Assitenten, auch freie Wissenschaftler auswählen und bitten, die Gestaltung der fünf ständigen Studiengruppen zu übernehmen. Gerade durch diese Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, die in unserem Hause wirken werden, sind Konstellationen möglich, die es sonst nicht gäbe. Dies ist Kernpunkt unserer Strategie und Vernetzung.
PUZ: Caputher Gespräche und Jahreskonferenzen werden als weitere Kommunikationsformen der Wissenschaftler genannt. Können wir in diesem Jahr mit solcherart Begegnungen rechnen?
Gary Smith: Unser Auftakt, das erste Caputher Gespräch, wird am 21. Mai unter dem Titel „Chaos zwischen den Disziplinen‘ stattfinden. Gleichzeitig wollen wir eine vergleichende Bestandsaufnahme zur Chaosdiskussion innerhalb verschiede
ner Disziplinen versuchen und jenseits dieses Begriffes auf die Idee der Komplexität schauen. Mit diesem Begriff können wir zu vielen eine Brücke bauen, z. B. zu der Max-Planck-Arbeitsgruppe„Nichtlineare Dynamik“ an der Universität Potsdam.
Ein zweites Caputher Gespräch ist„Notwendigkeit des Vergessens‘“ überschrieben. Wohlwissend, daß damit eine politisch heikle Thematik berührt wird, wollen wir die Negativbesetzung des Vergessens reflektieren und positive Momente des Begriffes erörtern. Die Veranstaltung wird in Zusammenarbeit mit Prof. Jürgen Kocka von der Freien Universität und Prof. Hinderk Emrich(München, Hannover) durchgeführt. Das Gespräch wird im späten August stattfinden, wobei wir für manche Veranstaltungen Orte außerhalb von Potsdam wählen.
„Kabbala und wissenschaftliche Phantasie‘ wird der Gegenstand des dritten diesjährigen Treffens sein. Hier handelt es sich um ein umstrittenes Thema der Wissenschaftsgeschichte, das wir mit Prof. Moshe Idel von der Hebräischen Universität Jerusalem vorbereiten, dessen Forschungen neue Sichten und Bewertungen ermöglichen.
PUZ: Ausdrücklich sind Studenten und junge Wissenschaftler zur Teilnahme am Forum aufgefordert. Welche Angebote unterbreiten Sie diesem Kreis?
Gary Smith: Nachwuchsförderung gehört zu unseren wichtigsten Anliegen. Gerade dieser Personenkreis sollte im Einstein
Forum Zugang zu aktueller Diskussion auf höchstem Niveau finden. Wir wollen gleichzeitig elitär und offen sein: Elitär, was das Niveau der Diskussion betrifft, und offen, was die Teilnehmer und die Integration der Brandenburgischen Wissenschaftslandschaft angeht. Sobald die Angebote des Forums bekannt werden, kann man sich für eine Teilnahme melden.
PUZ: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Beirat und dem Gründungskuratorium?
Gary Smith: Der Wissenschaftliche Beirat repräsentiert herausragendes Niveau. Viele Wissenschaftler kommen aus den USA, Frankreich und Israel mit Themen, die in Deutschland kaum vertreten sind. Vor dem Hintergrund, daß 1933 ein großer Wissenschaftler-Exodus aus Deutschland begann, ist das erklärlich. Sie bringen jetzt viele Anregungen mit nach Brandenburg und zeigen dadurch die große Solidarität der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft mit unserem Vorhaben.
PUZ: Im Gründungskuratorium sind der Rektor der Universität Potsdam, der Chemiker Prof. Dr. Rolf Mitzner, und der Direktor des auch in Potsdam ansässigen Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien, der Historiker Prof. Dr. Julius Schoeps, vertreten. Wie sieht die Zusammenarbeit mit ihnen aus, und welche Erwartungen haben Sie an die Kooperation mit der Universität Potsdam generell?
Gary Smith: Mit den Brandenburger Universitäten pflegen wir einen besonders engen Kontakt; Kooperationsverträge sind in Vorbereitung. Die erste vertragliche Vereinbarung wurde zwischen dem Einstein Forum und der Hebräischen Universität Jerusalem, wo sich auch Einsteins Nachlaß befindet, geschlossen. Demnächst wird es Vereinbarungen auch mit der Universität Potsdam geben, die aufgrund der geographischen Nähe und der Konzeption unser natürlichster Partner ist.
PUZ: Selbst große Ideen hängen an Geldern und in unserer Region besonders an Gebäuden. Sie sitzen derzeit im Potsdamer URANIA-Haus; ins Auge gefaßt waren ein historisches Gebäude am Neuen Markt und das Sommerhaus von Einstein in Caputh. Wie ist die Lage?
Gary Smith: Wir denken, daß wir mit den Erben Einsteins eine Einigung erzielen. Unser Hauptdomizil wird jedoch am Neuen Markt in Potsdam liegen. Es wäre schön, wenn das spätbarocke Haus noch in diesem Herbst eröffnet werden könnte, doch realistischer scheint wohl 1994. Gespräche mit Sponsoren haben begonnen, und die positive Resonanz beweist die Attraktivität des Einstein Forums. Wenn das Einstein-Forum einen festen Sitz hat, wird es hoffentlich zu einem geistigen Zentrum in Potsdam werden.
(Mit Gary Smith sprach Regine Derdack.)