Heft 
(1.1.2019) 06
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INTERVIEW

Nr. 6/93 Seite 11

Einstein Forum auf dem Wege

Am 3. November vorigen Jahres wurde mit großer internationaler Beteiligung das Einstein Forum in Potsdam gegründet. Der Leitgedanke, internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit durch den Gedankenaustausch von Natur- und Geisteswis­senschaftlern an einer der Wirkungs- und Lebensstätten Einsteins, in Potsdam, einen ständigen Platz zu geben, wurde begrüßt von New York über Cambridge, Budapest und Bologna bis Jerusalem. Den schwierigen Part der Gründungsarbeit im Detail hat der 38jährige Amerikaner Gary Smith übernommen. Seit 1986 lebt der promovierte Philosoph in Deutschland. Er war mitbeteiligt an der Einstein-Edition bei Pinceton University Press und gilt als Kenner des Werkes von Walter Benjamin. Der Potsdamer Aufgabe hat er den Vorzug vor einem Lehrauftrag an der Hebräischen Universität Jerusalem gegeben. Vier Monate nach dem offiziellen Gründungsakt des Einstein Forums sprachen wir mit Gary Smith über den gegenwärtigen Stand der Umsetzung des Vorhabens.

PUZ: Bei der Gründung des Forums war von der Einrich­tung ständiger Studiengrup­pen die Rede. Wieweit ist der Stand der Vorbereitung?

Gary Smith: Dieses Jahr ist noch ein Vorbereitungsjahr, inhaltlich und auch finanziell. Im Zentrum der Aufbauarbeit steht das Ge­winnen von Sponsoren und das Einrichten der Studiengruppen. In diesem Zusammenhang exi­stiert eine enge Verbindung mit Wissenschaftlern der Universi­tät Potsdam und außeruniversi­tären Forschungseinrichtungen, auch mit der Viadrina und den Berliner Universitäten. Aus die­sem großartigen Potential wer­den wir einige Professoren und Assitenten, auch freie Wissen­schaftler auswählen und bitten, die Gestaltung der fünf ständi­gen Studiengruppen zu überneh­men. Gerade durch diese Zusam­menarbeit von Wissenschaftlern, die in unserem Hause wirken werden, sind Konstellationen möglich, die es sonst nicht gäbe. Dies ist Kernpunkt unserer Stra­tegie und Vernetzung.

PUZ: Caputher Gespräche und Jahreskonferenzen werden als weitere Kommunikationsfor­men der Wissenschaftler ge­nannt. Können wir in diesem Jahr mit solcherart Begegnun­gen rechnen?

Gary Smith: Unser Auftakt, das erste Caputher Gespräch, wird am 21. Mai unter dem Titel Chaos zwischen den Diszipli­nen stattfinden. Gleichzeitig wollen wir eine vergleichende Bestandsaufnahme zur Chaos­diskussion innerhalb verschiede­

ner Disziplinen versuchen und jenseits dieses Begriffes auf die Idee der Komplexität schauen. Mit diesem Begriff können wir zu vielen eine Brücke bauen, z. B. zu der Max-Planck-Arbeits­gruppeNichtlineare Dynamik an der Universität Potsdam.

Ein zweites Caputher Gespräch istNotwendigkeit des Verges­sens überschrieben. Wohlwis­send, daß damit eine politisch heikle Thematik berührt wird, wollen wir die Negativbesetzung des Vergessens reflektieren und positive Momente des Begriffes erörtern. Die Veranstaltung wird in Zusammenarbeit mit Prof. Jürgen Kocka von der Freien Universität und Prof. Hinderk Emrich(München, Hannover) durchgeführt. Das Gespräch wird im späten August stattfinden, wobei wir für manche Veran­staltungen Orte außerhalb von Potsdam wählen.

Kabbala und wissenschaftliche Phantasie wird der Gegenstand des dritten diesjährigen Treffens sein. Hier handelt es sich um ein umstrittenes Thema der Wissen­schaftsgeschichte, das wir mit Prof. Moshe Idel von der He­bräischen Universität Jerusalem vorbereiten, dessen Forschungen neue Sichten und Bewertungen ermöglichen.

PUZ: Ausdrücklich sind Stu­denten und junge Wissen­schaftler zur Teilnahme am Forum aufgefordert. Welche Angebote unterbreiten Sie diesem Kreis?

Gary Smith: Nachwuchsförde­rung gehört zu unseren wichtig­sten Anliegen. Gerade dieser Personenkreis sollte im Einstein

Forum Zugang zu aktueller Dis­kussion auf höchstem Niveau finden. Wir wollen gleichzeitig elitär und offen sein: Elitär, was das Niveau der Diskussion be­trifft, und offen, was die Teil­nehmer und die Integration der Brandenburgischen Wissen­schaftslandschaft angeht. Sobald die Angebote des Forums be­kannt werden, kann man sich für eine Teilnahme melden.

PUZ: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Beirat und dem Gründungskuratorium?

Gary Smith: Der Wissenschaft­liche Beirat repräsentiert heraus­ragendes Niveau. Viele Wissen­schaftler kommen aus den USA, Frankreich und Israel mit The­men, die in Deutschland kaum vertreten sind. Vor dem Hinter­grund, daß 1933 ein großer Wissenschaftler-Exodus aus Deutschland begann, ist das er­klärlich. Sie bringen jetzt viele Anregungen mit nach Branden­burg und zeigen dadurch die große Solidarität der internatio­nalen Wissenschaftsgemein­schaft mit unserem Vorhaben.

PUZ: Im Gründungskurato­rium sind der Rektor der Uni­versität Potsdam, der Chemi­ker Prof. Dr. Rolf Mitzner, und der Direktor des auch in Pots­dam ansässigen Moses Men­delssohn Zentrums für euro­päisch-jüdische Studien, der Historiker Prof. Dr. Julius Schoeps, vertreten. Wie sieht die Zusammenarbeit mit ih­nen aus, und welche Erwar­tungen haben Sie an die Koo­peration mit der Universität Potsdam generell?

Gary Smith: Mit den Branden­burger Universitäten pflegen wir einen besonders engen Kontakt; Kooperationsverträge sind in Vorbereitung. Die erste vertrag­liche Vereinbarung wurde zwi­schen dem Einstein Forum und der Hebräischen Universität Je­rusalem, wo sich auch Einsteins Nachlaß befindet, geschlossen. Demnächst wird es Vereinbarun­gen auch mit der Universität Potsdam geben, die aufgrund der geographischen Nähe und der Konzeption unser natürlichster Partner ist.

PUZ: Selbst große Ideen hän­gen an Geldern und in unserer Region besonders an Gebäu­den. Sie sitzen derzeit im Pots­damer URANIA-Haus; ins Auge gefaßt waren ein histori­sches Gebäude am Neuen Markt und das Sommerhaus von Einstein in Caputh. Wie ist die Lage?

Gary Smith: Wir denken, daß wir mit den Erben Einsteins eine Einigung erzielen. Unser Haupt­domizil wird jedoch am Neuen Markt in Potsdam liegen. Es wäre schön, wenn das spätbarocke Haus noch in diesem Herbst eröffnet werden könnte, doch rea­listischer scheint wohl 1994. Gespräche mit Sponsoren haben begonnen, und die positive Re­sonanz beweist die Attraktivität des Einstein Forums. Wenn das Einstein-Forum einen festen Sitz hat, wird es hoffentlich zu einem geistigen Zentrum in Potsdam werden.

(Mit Gary Smith sprach Regi­ne Derdack.)