Heft 
(1.1.2019) 08
Einzelbild herunterladen

Nr. 8/93 Seite 6

SPRACHWISSENSCHAFT

In der Tradition Wilhelm von Humboldts

Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam

An unserer Universität entsteht zur Zeit ein Institut für Allge­meine Sprachwissenschaft, das zumindest hinsichtlich seiner personellen Ausstattung das bedeutendste Deutschlands zu werden verspricht und das auch gute Chancen hat, im überna­tionalen Rahmen Maßstäbe zu setzen. Bis zur faschistischen Machtübernahme war die Sprachwissenschaft vornehm­lich eine Domäne deutscher For­scher. Daß sich gerade in Pots­dam Möglichkeiten auftun, an diese Tradition wieder anzuknü­pfen, kann als besonderer Glücksfall angesehen werden. Potsdam ist der Geburtsort von Wilhelm von Humboldt, einem der Großväter der modernen Sprachwissenschaft.

Das Konzept der Allgemeinen Sprachwissenschaft, wie es der Gründungssenat beschlossen hat, wurde von einer Struktur­kommission unter federführen­der Leitung unserer stellv. Grün­dungsrektorin, Prof. Dr: Gisa Rauh, entwickelt. Es sieht eine stark kognitionswissenschaftli­che Orientierung vor und weicht insofern von derLaienvorstel­lung über Sprachwissenschaft ab, die v. a. von Figuren wie Professor Higgins aus My Fair Lady geprägt sein mag. Die All­gemeine Sprachwissenschaft untersucht weniger konkrete Einzelsprachen als Produkt hi­storischer Prozesse und kulturel­ler Gegebenheiten, sondern in­teressiert sich für die Natur der menschlichen Sprachfähigkeit und bearbeitet damit Fragen, die erstmals von deutschen Wissen­schaftlern wie Herder oder eben Wilhelm von Humboldt zu be­antworten versucht wurden.

Biologische Komponente der Sprachfähigkeit

Tatsache ist, daß der Mensch als einziges Wesen überhaupt dazu in der Lage ist, Sprachen zu ler­

nen und zu verwenden. Die star­ke biologische Komponente un­serer Sprachfähigkeit kommt darin zum Ausdruck, daß im Gehirn spezifische Regionen wie etwa das sog. Broca-Gebiet (an der linken Schläfe) nur dafür da sind, sprachliche Informatio­nen zu repräsentieren und zu verarbeiten. Da dies bei allen Menschen so ist, und da bei einer Beeinträchtigung der betreffen­den Hirnareale andere Gehirnre­gionen diese Aufgaben nicht übernehmen können, ist der strukturelle Möglichkeitsraum für menschliche Sprachen letzt­lich durch sein genetisches Pro­gramm bestimmt. Dies erkennt man auch aus einer etwas ande­ren Perspektive. Im wesentli­chen ist der kindliche Spracher­werb im Alter von vier Jahren abgeschlossen. Kinder haben also in einem Alter, in dem sie sonst kaum über höhere kogniti­ve Fähigkeiten verfügen, die Grammatik ihrer Muttersprache durchschaut. Ihnen gelingt da­mit unabhängig von ihrer Intelli­genz oder sozialen Umgebung etwas, was dem gemeinsamen Bemühen vieler Forschergene­rationen bislang verschlossen war: die korrekte Grammatik des Deutschen(oder einer belie­bigen anderen Sprache) zu iden­tifizieren. Will man nicht an Zauber oder Wunder glauben, so muß dabei jemandHilfestel­lung geleistet haben, und dabei kann es sich nur um biologische Vorprägungen handeln. Darauf deutet auch die Tatsache hin, daß der eigentliche Grammatiker­werb erst dann beginnen kann, wenn die Neuronenverbindun­gen im Broca-Gebiet optimiert sind.

Damit ist zunächst klar, was das primäre Erkenntnisinteresse der Allgemeinen Sprachwissen­schaft ist: die biologischen Grundlagen der menschlichen Sprachfähigkeit zu erforschen und zu erkennen, wie im Zusam­menspiel mit der sprachlichen

Erfahrung des Kindes in ihm die Grammatik seiner Mutterspra­che heranreift. Da aber ethische Erwägungen einen direkten ex­perimentellen oder chirurgi­schen Zugriff auf die Sprach­strukturen im menschlichen Gehirn verbieten, ist sprachwis­senschaftliche Forschung durch eine Anzahl indirekter Erkennt­niswege bestimmt.

Grammatiktheoretische Forschung ist Grundlage

An der Basis sozusagen steht die grammatiktheoretische For­schung. Sie identifiziert die allen natürlichen Sprachen gemeinsa­men Strukturprinzipien(Uni­versalien) und versucht abzuklä­ren, inwieweit diese Universa­lien biologisch bedingt sind. Sie hat auch in Kooperation mit der allgemeinen Psychologie her­auszufinden, welche der univer­sellen Strukturgesetze sich etwa im Bereich der allgemeinen ma­thematischen oder musischen Kognition wiederfinden und welche sprachspezifisch sind. An unserer Universität wird die Grammatiktheorie durch drei Professuren vertreten sein, näm­lich für die Bereiche Phonologie (Lautstruktur), Grammatik und Semantik(Bedeutungs- und Begriffsstruktur). Davon ist die Professur für Grammatik mit dem Schwerpunkt Syntax(Satz­struktur) und Morphologie (Wortstruktur) bereits durch den Autor dieses Artikels besetzt. Damit dieempirische Kompo­nente nicht zu kurz kommt, sind auch Professuren für Sprachver­gleich(im Besetzungsverfah­ren) und für Sprachgeschichte vorgesehen.

Aufbauend auf und in Wechsel­wirkung mit den Erkenntnissen der Grammatiktheorie geht dann die Psycholinguistik einen Schritt näher an unser Gehirn. Auf der einen Seite untersucht sie, wie in Kindern die Sprachfä­higkeitheranwächst. Dieser

Bereich wird durch eine im Be­setzungsverfahren befindliche Professur abgedeckt. Auf der anderen Seite bemüht sich die Psycholinguistik herauszufin­den, wie im Gehim auf der Software-Ebene sprachliches Wissen verarbeitet wird. Auch hierfür ist eine Professur vorge­sehen.

Schließlich führt die Natur mit tragischen Schicksalsschlägen oft"dieExperimente am menschlichen Gehirn durch, die sich dem Forscher aus ethischer Perspektive verbieten. Die Neu­ro- bzw. Patholinguistik unter­sucht die so entstehenden sprachspezifischen Ausfälle des menschlichen Denkens und führt so an dieHardware der menschlichen Sprachfähigkeit heran. Auch dieser Bereich kann in Potsdam von einer eigenen Professur vertreten werden.

Integriert in Forschung und Lehre

Daß diese Gebiete in Forschung wie Lehre nicht isoliert vonein­ander betrieben werden können, scheint offensichtlich. Anders als in den USA gibt es in Deutschland z. Zt. keine Univer­sität, bei der auch nur annähernd davon gesprochen werden kann, daß die verschiedenen Teilfä­cher der Allgemeinen Sprach­wissenschaft integriert in For­schung und Lehre abgedeckt sind. Gerade hierin liegt die Chance unserer Universität, durch den Profilbereich Allge­meine Sprachwissenschaft auch internationale Maßstäbe zu set­zen. Unterstützt wird dies durch die vom Gründungssenat befür­wortete Einrichtung eines inter­disziplinären Zentrums für ko­gnitive Studien, das einschlägi­ge Forschungsarbeiten in Fä­chern wie Psychologie, Infor­matik und Allgemeine Sprach­wissenschaft an unserer Univer­

Fortsetzung auf Seite 7