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SPRACHWISSENSCHAFT
In der Tradition Wilhelm von Humboldts
Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam
An unserer Universität entsteht zur Zeit ein Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft, das zumindest hinsichtlich seiner personellen Ausstattung das bedeutendste Deutschlands zu werden verspricht und das auch gute Chancen hat, im übernationalen Rahmen Maßstäbe zu setzen. Bis zur faschistischen Machtübernahme war die Sprachwissenschaft vornehmlich eine Domäne deutscher Forscher. Daß sich gerade in Potsdam Möglichkeiten auftun, an diese Tradition wieder anzuknüpfen, kann als besonderer Glücksfall angesehen werden. Potsdam ist der Geburtsort von Wilhelm von Humboldt, einem der Großväter der modernen Sprachwissenschaft.
Das Konzept der Allgemeinen Sprachwissenschaft, wie es der Gründungssenat beschlossen hat, wurde von einer Strukturkommission unter federführender Leitung unserer stellv. Gründungsrektorin, Prof. Dr: Gisa Rauh, entwickelt. Es sieht eine stark kognitionswissenschaftliche Orientierung vor und weicht insofern von der„Laienvorstellung“ über Sprachwissenschaft ab, die v. a. von Figuren wie Professor Higgins aus My Fair Lady geprägt sein mag. Die Allgemeine Sprachwissenschaft untersucht weniger konkrete Einzelsprachen als Produkt historischer Prozesse und kultureller Gegebenheiten, sondern interessiert sich für die Natur der menschlichen Sprachfähigkeit und bearbeitet damit Fragen, die erstmals von deutschen Wissenschaftlern wie Herder oder eben Wilhelm von Humboldt zu beantworten versucht wurden.
Biologische Komponente der Sprachfähigkeit
Tatsache ist, daß der Mensch als einziges Wesen überhaupt dazu in der Lage ist, Sprachen zu ler
nen und zu verwenden. Die starke biologische Komponente unserer Sprachfähigkeit kommt darin zum Ausdruck, daß im Gehirn spezifische Regionen wie etwa das sog. Broca-Gebiet (an der linken Schläfe) nur dafür da sind, sprachliche Informationen zu repräsentieren und zu verarbeiten. Da dies bei allen Menschen so ist, und da bei einer Beeinträchtigung der betreffenden Hirnareale andere Gehirnregionen diese Aufgaben nicht übernehmen können, ist der strukturelle Möglichkeitsraum für menschliche Sprachen letztlich durch sein genetisches Programm bestimmt. Dies erkennt man auch aus einer etwas anderen Perspektive. Im wesentlichen ist der kindliche Spracherwerb im Alter von vier Jahren abgeschlossen. Kinder haben also in einem Alter, in dem sie sonst kaum über höhere kognitive Fähigkeiten verfügen, die Grammatik ihrer Muttersprache durchschaut. Ihnen gelingt damit unabhängig von ihrer Intelligenz oder sozialen Umgebung etwas, was dem gemeinsamen Bemühen vieler Forschergenerationen bislang verschlossen war: die korrekte Grammatik des Deutschen(oder einer beliebigen anderen Sprache) zu identifizieren. Will man nicht an Zauber oder Wunder glauben, so muß dabei jemand„Hilfestellung“ geleistet haben, und dabei kann es sich nur um biologische Vorprägungen handeln. Darauf deutet auch die Tatsache hin, daß der eigentliche Grammatikerwerb erst dann beginnen kann, wenn die Neuronenverbindungen im Broca-Gebiet optimiert sind.
Damit ist zunächst klar, was das primäre Erkenntnisinteresse der Allgemeinen Sprachwissenschaft ist: die biologischen Grundlagen der menschlichen Sprachfähigkeit zu erforschen und zu erkennen, wie im Zusammenspiel mit der sprachlichen
Erfahrung des Kindes in ihm die Grammatik seiner Muttersprache heranreift. Da aber ethische Erwägungen einen direkten experimentellen oder chirurgischen Zugriff auf die Sprachstrukturen im menschlichen Gehirn verbieten, ist sprachwissenschaftliche Forschung durch eine Anzahl indirekter Erkenntniswege bestimmt.
Grammatiktheoretische Forschung ist Grundlage
An der Basis sozusagen steht die grammatiktheoretische Forschung. Sie identifiziert die allen natürlichen Sprachen gemeinsamen Strukturprinzipien(Universalien) und versucht abzuklären, inwieweit diese Universalien biologisch bedingt sind. Sie hat auch in Kooperation mit der allgemeinen Psychologie herauszufinden, welche der universellen Strukturgesetze sich etwa im Bereich der allgemeinen mathematischen oder musischen Kognition wiederfinden und welche sprachspezifisch sind. An unserer Universität wird die Grammatiktheorie durch drei Professuren vertreten sein, nämlich für die Bereiche Phonologie (Lautstruktur), Grammatik und Semantik(Bedeutungs- und Begriffsstruktur). Davon ist die Professur für Grammatik mit dem Schwerpunkt Syntax(Satzstruktur) und Morphologie (Wortstruktur) bereits durch den Autor dieses Artikels besetzt. Damit die„empirische“ Komponente nicht zu kurz kommt, sind auch Professuren für Sprachvergleich(im Besetzungsverfahren) und für Sprachgeschichte vorgesehen.
Aufbauend auf und in Wechselwirkung mit den Erkenntnissen der Grammatiktheorie geht dann die Psycholinguistik einen Schritt näher an unser Gehirn. Auf der einen Seite untersucht sie, wie in Kindern die Sprachfähigkeit„heranwächst‘“. Dieser
Bereich wird durch eine im Besetzungsverfahren befindliche Professur abgedeckt. Auf der anderen Seite bemüht sich die Psycholinguistik herauszufinden, wie im Gehim auf der „Software-Ebene“ sprachliches Wissen verarbeitet wird. Auch hierfür ist eine Professur vorgesehen.
Schließlich führt die Natur mit tragischen Schicksalsschlägen oft‘"die„Experimente“ am menschlichen Gehirn durch, die sich dem Forscher aus ethischer Perspektive verbieten. Die Neuro- bzw. Patholinguistik untersucht die so‘ entstehenden sprachspezifischen Ausfälle des menschlichen Denkens und führt so an die„Hardware“ der menschlichen Sprachfähigkeit heran. Auch dieser Bereich kann in Potsdam von einer eigenen Professur vertreten werden.
Integriert in Forschung und Lehre
Daß diese Gebiete in Forschung wie Lehre nicht isoliert voneinander betrieben werden können, scheint offensichtlich. Anders als in den USA gibt es in Deutschland z. Zt. keine Universität, bei der auch nur annähernd davon gesprochen werden kann, daß die verschiedenen Teilfächer der Allgemeinen Sprachwissenschaft integriert in Forschung und Lehre abgedeckt sind. Gerade hierin liegt die Chance unserer Universität, durch den Profilbereich Allgemeine Sprachwissenschaft auch internationale Maßstäbe zu setzen. Unterstützt wird dies durch die vom Gründungssenat befürwortete Einrichtung eines interdisziplinären Zentrums für kognitive Studien, das einschlägige Forschungsarbeiten in Fächern wie Psychologie, Informatik und Allgemeine Sprachwissenschaft an unserer Univer
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