SPRACHWISSENSCHAFT/MATHEMATIK
Nr. 8/93— Seite 7
Fortsetzung von Seite 6
sität bündeln soll und gleichzeitig als Kooperationszentrum für Zusammenarbeit mit Berliner Forschern und KGastwissenschaftlern gedacht ist. Und last but not least hat die Allgemeine Sprachwissenschaft in den Sprachwissensehaftlern von Anglistik, Germanistik, Roma
nistik und Slawistik ihre Koope-|
rationspartner. Insgesamt ergeben sich also für unsere Universität in der Linguistik die besten Perspektiven, so wie es für eine Hochschule am Geburtsort Wilhelm von Humboldts auch naheliegt.
Chancen auf dem Arbeitsmarkt
Bei all dem ist jedoch auch immer im Vordergrund gestanden, das Fach so zu konzipieren, daß den Absolventen der Potsdamer Universität genügend Chancen auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Erstens ist klar, daß Erkenntnisse über die Funktionsweise der menschlichen Sprachfähigkeit sehr hilfreich sind bei der Erstellung maschineller sprachverstehender oder automatisch übersetzender Systeme. Dies ist das Wirkungsfeld der sogenannten Computerlinguistik, die mit zwei Professuren vertreten sein wird, von denen eine z. Zt. besetzt wird. Neben dem allgemeinen Studiengang„Linguistik“ steht den Studierenden auch ein spezifischer Studiengang Computerlinguistik offen, in dem sie spezifisch für Aufgabenfelder im‘© Bereich“ automatische Sprachverarbeitung ausgebildet werden. Neben den eher praktischen Aufgaben spielt die Computerlinguistik freilich auch eine herausgehobene Rolle bei der Theoriebildung, indem sie einerseits simulativ Theorien austesten kann und andererseits formale Modelle zur Theoriebildung anbietet.
Wilhelm v. Humboldt (1765-1835, Gelehrter und Gründer der Berliner Universität)
Ein zweites außeruniversitäres Betätigungsfeld eröffnet sich im Bereich der Sprachpathologien, in dem verstärkt„klinische Linguisten“ in der Therapie von Sprachstörungen eingesetzt werden. Hier bietet die Universität Potsdam einen spezifischen Studiengang„Patholinguistik“ an, in den praktische Teile wie etwa das sog. klinische Jahr integriert werden sollen. Schließlich soll, mit noch zu befindender Form, ein Studiengang Angewandte Sprachwissenschaft konzipiert werden, der sich etwa mit Fragen der Sprachvermittlung beschäftigt und vorzugsweise in Zusammenwirken mit den Einzelphilologien aufgebaut werden sollte.
Wenn sich unsere Planungen realisieren lassen, dann werden im kommenden Wintersemester nicht nur die drei Studiengänge der Allgemeinen Sprachwissenschaft beginnen.
Geplant sind eine größere Konferenz, die Potsdam als Linguistikstandort dem Fach gegenüber dokumentieren soll, und eine Ringvorlesung, in der der interessierten Öffentlichkeit die Forschungsergebnisse der Linguistik mit Potsdam-Bezug dargestellt werden sollen.
Prof. Dr. Gisbert Fanselow
Erste Euler-Vorlesung in Sanssouci
Am 18. Mai 1993 findet im Schloßtheater von Sanssouci erstmalig die„Euler- Vorlesung in Sanssouci“ statt. Herr Prof.
;||Raoul Bott(Harvard University)
wird zum Thema„Invariants of Manifolds“ sprechen.
Diese Veranstaltung, eine Mathematik-Vorlesung in festlichem Rahmen, wird von den Berliner Mathematischen Fakultäten und Instituten gemeinsam getragen. Der Universität Potsdam wurde die Auszeichnung zuteil, die Euler-Vorlesung jährlich auszurichten.
Es sollen die außergewöhnliche Konzentration von Mathematischen Instituten im Berliner Raum und die daraus entstehenden Chancen und Möglichkeiten gewürdigt werden. Die Veranstaltung ist nach Leonhard Euler (1707-1783) benannt, einem der berühmtesten Mathematiker aller Zeiten. Euler war mit der Berliner Mathematik besonders verbunden, u. a. durch seine langjährige Tätigkeit als Direktor der Mathematischen Klasse der Berliner Akademie und am Hof Friedrichs des Großen in Potsdam.
Die unabhängige Auswahl-Jury, bestehend aus Prof. Hirzebruch (Präsident der European Mathematical Society, EMS, Universität Bonn und Max-Planck-Institut für Mathematik), Prof. Hoffmann(Mitglied des Wissenschaftsrates, TH München) und Prof. Grötschel(Vorsitzender der Deutschen MathematikerVereinigung, DMV, KonradZuse-Zentrum und TU Berlin), hat für 1993 Professor Bott eingeladen, die„Euler-Vorlesung in Sanssouci“ zu halten. Professor Raoul H. Bott wurde 1923 in Budapest geboren. Nach seiner Promotion 1949 am Carnegie Institute of Technology (Pittsburgh) war er am Institute for Advanced Study(Princeton, NJ) und an der University of Michigan(Ann Arbor) tätig. Im Jahr 1959 nahm er einen Ruf an
die Harvard University(Cambridge, MA) an, wo er seit 1977 einen besonders renommierten Lehrstuhl innehat, die„Caspar Graustein Professur‘ für Mathematik. Das Werk von Professor Bott umfaßt eine Fülle von tiefgehenden Forschungen zur Geometrie, Topologie und Analysis. Sein berühmtester Beitrag ist der „Bottsche_Periodizitätssatz‘‘. Dieses Resultat war gleichzeitig ein Höhepunkt der Homotopietheorie und Morse-Theorie wie auch Ausgangspunkt für spektakuläre weitere Untersuchungen. Wichtige Theorien der modernen Mathematik(darunter die „K-Theorie‘“ ‚und die„Indextheorie“) sind ohne Professor Botts Beiträge gar nicht denkbar.; Professor Bott hat für seine Verdienste zahlreiche Ehrungen erfahren, darunter Ehrendoktortitel der McGil] University, der University of Notre Dame und der Carnegie-Mellon University, den Veblen Prize(1974) und die National Medal of Science der USA(1987). Er ist Mitglied der National Academy of Science(USA) und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina(Halle, Sachsen-Anhalt). Die Mathematischen Institute von Berlin und Potsdam sind stolz, am 18. Mai ab 14.00 Uhr zur ersten Euler-Vorlesung in das Schloßtheater in Sanssouci einzuladen.
Gemeinsame Veranstalter:
— Mathematische Fakultäten der Freien WUniversität Berlin, Humboldt-Universität Berlin, Technischen Universität Berlin und der Universität Potsdam
— Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik Berlin
— Institut für Angewandte Analysis und Stochastik.
Der Firma Cray Research GmbH
und der Berliner Bank AG wird
für die Unterstützung gedankt.