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WIP-GRUPPEN
Wissenschaftler-Integrations-Programm: Problem oder Chance?
In der gegenwärtigen Diskussion um die Eingliederung von Wissenschaftler-Gruppen der ehemaligen AdW sollte man von drei Gesichtspunkten ausgehen: Zunächst ist das Wissenschaftler-Integrations-Programm als Teil des Hochschul-Erneuerungs-Programms zu sehen, zweitens sollte man die Einordnung in die deutsche Forschungslandschaft mit aller Konsequenz gehen, und schließlich sind alle Emotionen zu vermeiden.
Wir befinden uns zweifelsohne in der heißesten Phase der wohl fundamentalsten Veränderung der Hochschule seit ihrer Gründung. Die Anpassung in neue Strukturen, Inhalte und Strategien sind verlangt, an deren Notwendigkeit wohl kaum Zweifel bestehen dürften.
Der Einigungsvertrag sieht eine vollständige Erneuerung der Hochschule vor. Diese wissenschaftspolitische Entscheidung (und zwar von jedem einzelnen Beteiligten) als das zu begreifen, was sie wirklich ist, nämlich ein historischer Erneuerungsprozeß. Und ausschließlich diesem Anspruch haben die Kriterien und die Konsequenzen zur Bewertung dieses Prozesses zu genügen und_standzuhalten. Nun sind die Ziele der Hochschulerneuerung praktisch vorgegeben, so bleiben das Tempo, die Regularien und vor allem die Konsequenz, mit der die Erneuerung der Hochschule vorangetrieben wird. Damit hat die Universität Potsdam die Verpflichtung und die Chance, sich sowohl strukturell(Grundordnung), personell(dies betrifft nicht nur die Führungsgremien) und inhaltlich(neue Lehr- und Forschungskonzepte) grundsätzlich neu zu orientieren und zu profilieren.
Insbesondere in die letzten beiden Aufgabengebiete greift das Wissenschaftler-IntegrationsProgramm(WIP) als nur ein,
wenn auch wichtiger Baustein des Hochschulerneuerungsprogrammes in die Hochschulpolitik ein.
In dieser Situation, wo die Grundlagenforschung der ehemaligen AdW abgewickelt, die industriellen F/E-Kapazitäten in den neuen Ländern auf ein Minimum reduziert und umfassende und höhere Aufgaben durch das Hochschulerneuerungsprogramm den Universitäten übertragen wurden, ist die Möglichkeit der Eingliederung renommierter Wissenschaftler-Gruppen der ehemaligen AdW eine wirkliche und dazu noch einmalige Chance. Sie ist eine Chance, da die Universität überhaupt die Möglichkeit hat, solche gewachsenen Gruppen einzubeziehen, und sie ist einmalig, weil die Entscheidung jetzt und nur jetzt getroffen werden kann. Denn alle WIP-Gruppen, die nicht durch das Votum der Universität das Jahr 1994 erleben, sind unwideruflich für die Integration verloren.
Und, auch das soll klar gesagt werden:
Die Universität ist mit dem vorhandenen Wissenschaftlerpotential nicht in der Lage, die gestellten höheren Aufgaben der Universitätsforschung und Lehre zu erfüllen. Dies bedeutet keine Abwertung der in der Vergangenheit erbrachten Leistungen der Hochschule, aber es wäre eine gefährliche Illusion, daraus abzuleiten, die notwendige umfassende Integration neuer wissenschaftlicher Potenz und Kreativität könne ignoriert werden. Auch kann der Erfolg des WIP nicht an einzelnen gelungenen Beispielen herbeizitiert werden. Hier ist eine grundsätzliche, umfassende und konsequente Lösung notwendig. Die Universität ist zum Erfolg des WIP gezwungen, wenn sie nicht ihre Wettbewerbsfähigkeit, ihr noch aufzubauendes nationales und internationales Renommee
und damit ihre Zukunftschancen verspielen will.
Was steht der Integration eigentlich entgegen?
Subjektiv die Existenzangst vieler Hochschulwissenschaftler, die objektiv durch den Stellenplan der Universität zum Ausdruck kommt. Eine additive Eingliederung aller WIP-Gruppen in die Universität ist auf Grund ihrer Zahl und ihrer Inhalte weder möglich noch sinnvoll. Die Sorge um ihre persönliche Zukunft muß man allerdings den WIP-Gruppen und den Hochschulangehörigen in gleicher Weise zugestehen und Unterstützung anbieten. Die historische Aufgabe der Hochschulerneuerung aus dem Gesichtswinkel der persönlichen Existenzangst zu betrachten, ist zwar verständlich, wird aber der vor uns liegenden Aufgabe in keiner Weise gerecht.
Es sind also Kriterien für die Auswahl des zukünftigen wissenschaftlichen Potentials notwendig. Die ausschließliche Hochschulzugehörigkeit kann dies allein nicht sein. Hier kann es neben der persönlichen Integrität nur ein Kriterium geben: die fachliche Kompetenz und Leistungsfähigkeit. Wer diesem Kriterium nicht höchste Priorität einräumt, setzt die Wettbewerbsfähigkeit und damit die langfristige stabile Entwicklung der eigenen Universität(und auch der eigenen Arbeitsplätze) auf's Spiel. Man muß sich darüber im klaren sein, daß das Renommee einer Universität ganz wesentlich durch ihre Forschungsergebnisse bestimmt wird. Ganz abgesehen davon, daß zumindest im naturwissenschaftlichen Bereich das Einwerben von Drittmitteln für eine effektive Forschung lebensnotwendig ist und dieses wiederum durch das Niveau der Forschung bestimmt wird. Natürlich müssen die persönlichen Entscheidungen sozial abgesi
chert sein(die soziale Absicherung der WIP-Gruppen bei Nichtübernahme sollte nicht vergessen werden). Aber es kann kein Zweifel daran bestehen, eine Umkehr der Prioritäten (und damit eine langfristige Zementierung der personellen Besetzung) zerstört die strategische Zielstellung einer nach Wettbewerbsfähigkeit strebenden Universität.
Was ist zu tun?
Folgt man dem hier vorgestellten leistungsorientierten Modell, sind folgende Schritte zu vollziehen:
1. Auswahl der zu integrierenden Gruppen
Natürlich können nur diejenigen Gruppen integriert werden, die in das inhaltliche Konzept der Universität und damit der Fakultäten passen. Damit ist eine klare Entscheidung zu treffen, welche WIP-Gruppen grundsätzlich nicht in die Universität Potsdam integriert werden können. Mit der Erklärung der grundsätzlichen Möglichkeit der Integration ist die Existenz der zu integrierenden Gruppen bis zum 31.12.96 durch das Hochschulerneuerungsprogramm garantiert, wobei die Finanzierung aus dem WIP-Haushalt erfolgt und damit den Hochschulhaushalt nicht belastet. In anderen Bundesländern wurden grundsätzlich alle Stellen neu besetzt, wobei ehemalige Mitarbeiter der Universität sich selbstverständlich mit guten Chancen bewerben konnten. In Brandenburg wird dieser Weg nicht gegangen, sondern über Fachkommissionen wird der Bedarf der Mittelbaustellen festgestellt und für jeden einzelnen Mitarbeiter des Mittelbaus eine Empfehlung gegeben.
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