Heft 
(1.1.2019) 10
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EINSTEIN-FORUM

Nr. 10/93 Seite 5

Auftaktveranstaltung des Einstein Forums

Variationen des Chaos. Eine theoretische Herausforderung an die Geistes- und Naturwis­senschaften hieß die erste Ver­anstaltung des in Potsdam ansäs­sigen und auch mit der Universi­tät Potsdam kooperierenden Einstein Forums, das den inter­disziplinären Gedankenaus­tausch zwischen Natur- und Gei­steswissenschaften im Sinne des Einsteinschen Vermächtnisses pflegen will. Zur ersten zweitä­gigen Zusammenkunft im Schloß Babelsberg und Capu­ther Sommerhaus Einsteins konnten als Referenten Prof. Dr. Friedrich Cramer(Direktor des Max-Planck-Instituts für Expe­rimentelle Medizin, Göttingen), Prof. Dr. Oriol Bohigas(For­Schungsdirektor am Institut für Kernphysik, Universite de Paris XI Orsay), Prof. Winfried Men­ninghaus(Professor für allge­meine und vergleichende Litera­

Stadtarchiv Münster

turwissenschaft an der Freien Universität Berlin), der Kompo­nist und Architekt Iannis Xena­kis sowie als Moderator Prof. Norbert Bolz(Professor für Kommunikationstheorie an der Universität/GH Essen) begrüßt werden. Drei Themenkomplexe bestimmten den ersten Tag: Chaos, Ordnung und Zeit: Be­trachtungen zu Stabilität des Lebendigen(Cramer);Chaos: Classical Versus Quantum Me­chanics(Bohigas) undHe­siod-Novalis-Luhmann: Varia­tionen des Chaos(Menning­haus). Die kleinere Gesprächs­runde am zweiten Tag diente der Vertiefung der Thematik. Wie im Konzept des Einstein Forums vorgesehen, wird eine zeitlich befristete Studiengruppe jetzt die Arbeit aufnehmen und sich weiter mit Fragen des Chaos und der Komplexität beschäftigen.

Höhepunkt der Tagung war der

Festvortrag des Begründers der fractalen Geometrie, Prof. Be­noit Mandelbrots, in der Staats­bibliothek Preußischer Kultur­besitz in Berlin am 21. Mai. Ein­führende Worte sprach Prof. Dr. Eberhard Lämmert, Vorsitzen­der des Gründungskuratoriums des Einstein Forums. Dem Lei­ter der Moax-Planck-Arbeits­gruppeNichtlineare Dynamik an der Universität Potsdam, Dr. Jürgen Kurths, war die Ehre zuteil geworden, den Anwesen­den Benoit Mandelbrot in Per­son und Werk vorzustellen. Im folgenden sollen einige Gedan­ken des Vortrags, derPerspec­tive, Fractals, and the Relations­ship of Geometry to Art über­schrieben war, wiedergegeben werden. R.D.

Benoit Mandelbrot_

Geb. 1924 in Polen, Studium in Paris und£ in den USA, Ingenieur-Diplom, Doktor der Mathematik, seit 1974 IBM Fellow, Arbeit am IBM Thomas J. Waison Research Center in New York, dessen wissen­_schaftliches Mitglied er seit 1974ist, Mathematik-Professur an der Harvard ‚Universität, Cam­bridge,. seit 1987 Mathematik-Pro-) fessur an der Yale Universi­tät, New Haven,) Bekannteste Publikationen: Fractals: Form, Chance, an Dimension, 1977;The. Fractal Geomeiry ot of Nature,* 1982..

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B. B. Mandelbrot besuchte das Einstein Forum in Potsdam

Prof. Mandelbrot ist einer der herausragenden Wissenschaft­ler unserer Zeit. Wie kaum ein anderer hat er erkannt, daß das traditionelle Fundament, auf dem die Wissenschaften basie­ren, zueng gefaßt ist. Ganz prak­tische und scheinbar gelöste Fragen aufgreifend z. B. Wie lang ist die Küste von Britan­nien?, fand er ein neues ele­mentares Prinzip, das vielen komplexen Erscheinungen in Natur und Gesellschaft zu Grun­de liegt: das Prinzip der Selbst­ähnlichkeit. Damit eng verbun­den sind Fraktale jene ästheti­schen strukturreichen Gebilde, wie Mandelbrot-Mengen oder

_ Apfelmännchen, die inzwischen sehr populär geworden sind. Sie

bilden die Grundlage für die fraktale Geometrie, die wir wiederum Mandelbrot verdan­ken. Der Grundgedanke ist, daß die klassische Geometrie, deren Elemente Kreise und Rechtecke sind, nicht ausreicht, um so zer­klüftete und amorphe Gebilde wie Wolken, Baumrinden oder Gebirgslandschaften zu be­schreiben. Wir waren voller Erwartungen, einer so großen Persönlichkeit begegnen zu können. Schon in seinem Souverän gehaltenen Festvortrag zeigt er sich als ori­gineller Denker.

In der Einleitung erinnert er

an seine Begegnungen mit

Albert Einstein in Princeton,

Fortsetzung auf Seite 6

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