EINSTEIN-FORUM
Nr. 10/93— Seite 5
Auftaktveranstaltung des Einstein Forums
„Variationen des Chaos. Eine theoretische Herausforderung an die Geistes- und Naturwissenschaften‘‘ hieß die erste Veranstaltung des in Potsdam ansässigen und auch mit der Universität Potsdam kooperierenden Einstein Forums, das den interdisziplinären Gedankenaustausch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften im Sinne des Einsteinschen Vermächtnisses pflegen will. Zur ersten zweitägigen Zusammenkunft im Schloß Babelsberg und Caputher Sommerhaus Einsteins konnten als Referenten Prof. Dr. Friedrich Cramer(Direktor des Max-Planck-Instituts für Experimentelle Medizin, Göttingen), Prof. Dr. Oriol Bohigas(ForSchungsdirektor am Institut für Kernphysik, Universite de Paris XI Orsay), Prof. Winfried Menninghaus(Professor für allgemeine und vergleichende Litera
Stadtarchiv Münster
turwissenschaft an der Freien Universität Berlin), der Komponist und Architekt Iannis Xenakis sowie als Moderator Prof. Norbert Bolz(Professor für Kommunikationstheorie an der Universität/GH Essen) begrüßt werden. Drei Themenkomplexe bestimmten den ersten Tag: „Chaos, Ordnung und Zeit: Betrachtungen zu Stabilität des Lebendigen“(Cramer);„Chaos: Classical Versus Quantum Mechanics‘‘(Bohigas) und„Hesiod-Novalis-Luhmann: Variationen des Chaos‘(Menninghaus). Die kleinere Gesprächsrunde am zweiten Tag diente der Vertiefung der Thematik. Wie im Konzept des Einstein Forums vorgesehen, wird eine zeitlich befristete Studiengruppe jetzt die Arbeit aufnehmen und sich weiter mit Fragen des Chaos und der Komplexität beschäftigen.
Höhepunkt der Tagung war der
Festvortrag des Begründers der fractalen Geometrie, Prof. Benoit Mandelbrots, in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin am 21. Mai. Einführende Worte sprach Prof. Dr. Eberhard Lämmert, Vorsitzender des Gründungskuratoriums des Einstein Forums. Dem Leiter der Moax-Planck-Arbeitsgruppe„Nichtlineare Dynamik“ an der Universität Potsdam, Dr. Jürgen Kurths, war die Ehre zuteil geworden, den Anwesenden Benoit Mandelbrot in Person und Werk vorzustellen. Im folgenden sollen einige Gedanken des Vortrags, der„Perspective, Fractals, and the Relationsship of Geometry to Art‘ überschrieben war, wiedergegeben werden. R.D.
Benoit Mandelbrot_
Geb. 1924 in Polen, Studium in Paris und£ in den USA, Ingenieur-Diplom, Doktor der Mathematik, seit 1974 IBM Fellow, Arbeit am IBM Thomas J. Waison Research Center in New York, dessen wissen_schaftliches Mitglied er seit 1974ist, Mathematik-Professur an der Harvard ‚Universität, Cambridge,. seit 1987 Mathematik-Pro-) fessur an der Yale Universität, New Haven,) Bekannteste Publikationen: „Fractals: Form, Chance, an Dimension“, 1977;„The. Fractal Geomeiry ot of Nature“,* 1982..
„Ich suche Bilder, die noch niemand sah“
B. B. Mandelbrot besuchte das Einstein Forum in Potsdam
Prof. Mandelbrot ist einer der herausragenden Wissenschaftler unserer Zeit. Wie kaum ein anderer hat er erkannt, daß das traditionelle Fundament, auf dem die Wissenschaften basieren, zueng gefaßt ist. Ganz praktische und scheinbar gelöste Fragen aufgreifend— z. B. Wie lang ist die Küste von Britannien?—, fand er ein neues elementares Prinzip, das vielen komplexen Erscheinungen in Natur und Gesellschaft zu Grunde liegt: das Prinzip der Selbstähnlichkeit. Damit eng verbunden sind Fraktale— jene ästhetischen strukturreichen Gebilde, wie Mandelbrot-Mengen oder
_ Apfelmännchen, die inzwischen sehr populär geworden sind. Sie
bilden die Grundlage für die fraktale Geometrie, die wir wiederum Mandelbrot verdanken. Der Grundgedanke ist, daß die klassische Geometrie, deren Elemente Kreise und Rechtecke sind, nicht ausreicht, um so zerklüftete und amorphe Gebilde wie Wolken, Baumrinden oder Gebirgslandschaften zu beschreiben. Wir waren voller Erwartungen, einer so großen Persönlichkeit begegnen zu können. Schon in seinem Souverän gehaltenen Festvortrag zeigt er sich als origineller Denker.
In der Einleitung erinnert er
an seine Begegnungen mit
Albert Einstein in Princeton,
Fortsetzung auf Seite 6
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